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Ausgabe Nr. 18/2017 vom 02.05.2017, Fotos: duty, picturedesk.com
Die „standardisierte Reifeprüfung“ hat
Nebenwirkungen.
Stefan Hopmann, Bildungswissenschaftler: „Die Zentralmatura löst kein Problem, das existiert, schafft dafür aber neue
Probleme.“
Nachhilfe für die Zentralmatura
Schüler und Lehrer leiden unter der Zentralmatura, die Nachhilfelehrer freuen sich über das brummende Geschäft. Matura-Intensivkurse wachsen wie Schwammerl aus dem Boden. Das Angstfach heißt Mathematik.
Der schriftliche Prüfungsmarathon zieht sich über zwei Wochen. Was am 3. Mai mit der Deutsch-Matura beginnt, endet am 12. Mai mit Latein und Griechisch. Zwischen fünf Stunden in Deutsch und viereinhalb Stunden in den meisten anderen Fächern dauert die Matura, die für alle knapp 46.000 Schüler zur gleichen Zeit stattfindet. Sie können wählen, ob sie in drei oder vier Fächern maturieren.

Was sich die meisten nicht aussuchen können, ist, ob sie in Mathematik schriftlich antreten. Das Angstfach „Mathe“ ist am 10. Mai dran. Im Vorjahr ist jeder fünfte Schüler im ersten Matura-Anlauf deshalb durchgefallen. In Vorarlberg war es sogar jeder dritte. Zwei Drittel der Schüler besserten sich den Fünfer aber bei den mündlichen Kompensationsprüfungen aus. In Englisch fiel nur jeder Zwanzigste durch, ein wenig mehr waren es in Deutsch.

Die Angst vor dem „Fetzen“ bei der Reifeprüfung beschert Nachhilfe-Lehrern gute Geschäfte. „Die Zentralmatura ist definitiv ein Grund, warum wir mehr Nachhilfe-Schüler haben“, bestätigt Konrad Zimmermann vom „Lernquadrat“, für das 2.500 Lehrkräfte arbeiten. „Wir sehen ja, wie die Kinder hereinkommen mit einem langen Gesicht und sagen: Ich habe Zentralmatura, helfts mir.“
15 bis 30 Matura-Nachhilfeschüler pro Standort zählen die Lernquadrat-„Pauker“. „Das hat es früher in dem Maß nicht gegeben. Da wurde einmal eine Nachhilfestunde genommen. Aber keine Kurse zur Vorbereitung auf die Matura“, erzählt Konrad Zimmermann. „Doch das ist auch deswegen, weil die Kinder sagen, entweder ich muss mich zehn Stunden selber hinsetzen oder ich gehe drei Stunden in das Nachhilfeinstitut.“ Die Eltern zahlen. Hundert Millionen Euro wurden im Vorjahr für den Privatunterricht ausgegeben. Fast die Hälfte davon fließt in den Schwarzmarkt.

Der Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann hat schon vor Jahren vor solchen Auswüchsen gewarnt. „Die Zentralmatura löst kein Problem, das existiert, schafft dafür aber neue Probleme“, sagt er. Von mehr Vergleichbarkeit oder Gerechtigkeit durch die zentral vorgegebene Prüfung ist keine Rede. „Unterricht kann gar nicht überall gleich sein“, erklärt der Wiener Universitätsprofessor. „Jeder Lehrer muss notwendigerweise Schwerpunkte setzen, manches weglassen, anderes mehr berücksichtigen.“

Doch die Zentralmatura geht von gleichen Voraussetzungen für alle Schüler aus. Schließlich ist der Lehrplan der Schultypen für alle derselbe. Beachtet wird aber nicht, dass die Lehrpläne ohnehin überfrachtet sind. Wird die Matura an der Schule ausgearbeitet, „kann wenigstens sichergestellt werden, dass nichts vorkommt, was nicht auch tatsächlich unterrichtet worden ist. Das kann bei zentralen Prüfungen nicht gewährleistet werden“, kritisiert Stefan Hopmann.

Weshalb auch die meisten europäischen Staaten nur einen Teil der Abschlussnote mittels eines zentralen Tests vergeben. Unser Land ist anders. „Dass alles auf eine einzige zentralisierte Prüfung gelegt wird, ist schon ein bisschen extrem.“

Erfahrungen aus anderen Ländern haben außerdem gezeigt, dass die Nachhilfe-Industrie dank zentralisierter Tests blüht. Aber nicht alle können sich den Privatunterricht leisten und die wenigsten haben Eltern oder Großeltern, die beim Abendessen das Mathe-Beispiel aus der Schule noch einmal verständlich erklären können. „Solche zentralisierten Systeme haben in der Regel den Effekt, dass jene, die die Ressourcen haben, besser damit umgehen können als jene, die sie nicht haben“, weiß der Bildungswissenschafter Hopmann. Was die soziale Ungleichheit wieder verstärkt.

Dass vor allem Mathematik das Angstfach der „Zentralmaturanten“ ist, ist leicht zu erklären. „Mathematik gehört zu den Fächern mit den unrealistischsten Erwartungen, was durchschnittliche Schüler mit durchschnittlichen Lehrern an durchschnittlichen Schulen und Tagen leisten können“, beruhigt Stefan Hopmann alle Schüler und Eltern. „Ich bin einmal in einer Lehrplankommission für Mathematik als Berater gesessen. Da gab es die ministerielle Vorgabe, es soll alles gestrichen werden, was nicht mindestens 70 Prozent der Schüler aller Wahrscheinlichkeit nach erreichen werden. Die Mathe-Kollegen haben protestiert, aus der richtigen Einsicht heraus, dass sie mehr als die Hälfte des Lehrplanes streichen müssten.“

Schlupflöcher, um der „standardisierten Reifeprüfung“ zu entkommen, gibt es kaum noch. Heuer wird erstmals die Berufsreifeprüfung zentral abgewickelt.

Und ab nächstem Jahr sollen zum Teil auch die sogenannten „Externisten“, die etwa in einer Maturaschule gelernt haben, zentral geprüft werden. Sie wurden bei der ursprünglichen Gesetzesänderung schlichtweg vergessen.
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