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Ausgabe Nr. 17/2017 vom 25.04.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta/Kauck
Julie Hansen, 47, und Kelly Steenbock, 43, haben jahrelang nebeneinander gearbeitet, ohne zu wissen, dass sie Schwestern sind.
Kelly Steenbock, 18 Monate, mit ihrem Vater. Er verschwand aus beider Leben.
Julie Hansen im Alter von acht Monaten mit ihrer Mutter.
Hansen und Steenbock im Büro.
„Eine Flasche Likör führte uns zusammen“
Alkohol nahm Julie Hansen den Vater. Und Alkohol gab ihr eine Schwester. Die 47jährige arbeitete als Anwältin am selben Gerichtshof wie Kelly Steenbock, ohne zu wissen, dass sie denselben Vater haben. Ohne eine Flasche Baileys hätten sie nie zusammengefunden.
Mit Alkohol beginnen meist Geschichten, die ein schlechtes Ende nehmen. Im Fall von Julie Hansen, 47, und Kelly Steenbock, 43, entfaltete Likör eine ganz besondere Wirkung. Beide arbeiten als Pflichtverteidiger am Gericht von Omaha (US-Staat Nebraska). Die Anwältinnen hatten sich im Laufe der Jahre zwar immer wieder gesehen, aber nie miteinander gesprochen. Bis zum 17. März, als sich Hansen wie jedes Jahr ihrer Wurzeln bewusst wurde und zum irischen Nationalfeiertag nach Dienstschluss einige Kollegen in ihr kleines Büro lud.

„Baileys?“, sagte Steenbock überrascht, als sie eine Flasche des irischen Likörs auf Hansens Schreibtisch sah. „Das war das Lieblingsgetränk meines Vaters. Er bestellte ihn immer, wenn er mich in sein Stammlokal mitnahm. Es erinnerte ihn wohl an seine Heimat Irland.“ Dass ihre Kollegin dieselben Wurzeln wie sie hatte, brach das Eis bei Hansen. „Aus welcher Stadt in Irland kam er?“, interessierte sich die 47jährige. „Aus Dublin. Wie viele andere Mahoneys“, antwortete Kelly Steenbock. „Aber ich wurde schon hier geboren. 20 Kilometer südöstlich von Omaha, in Bellevue.“

Nach der Erwähnung des Namens und des Ortes beugte sich Hansen wie elektrisiert vor. „Wie heißt Ihr Vater mit Vornamen?“, fragte sie ihre Kollegin aufgeregt. „Robert, aber er ist im Jahr 2007 gestorben.“ Nun sah Hansen ihre Kollegin prüfend an und fragte langsam: „War er vielleicht Lastwagenfahrer? Und Alkoholiker?“ Steenbock stockte der Atem. „Woher wissen Sie das?“, sagte sie verwundert. „Weil mein Vater auch Robert hieß. Und er war ein harter Trinker. Er trank sich 2007 zu Tode“, erwiderte Hansen.

„Was ist los mit euch?“, wollten die anderen Kollegen wissen, weil die beiden vor Aufregung laut wurden. „Es ist kaum zu glauben“, sagte Steenbock mit Tränen in den Augen. „Wir haben denselben Vater.“ Um ganz sicherzugehen, hatte Steenbock noch eine spezielle Frage. „Kennst du Tante Terry?“ „Natürlich, Papas Schwester. Sie kam oft zu Besuch. Ich saß auf ihrem Schoss, während sie mir aus Büchern vorlas. Sie lehrte mich zu lesen. Ich glaube, ich verdanke ihr, dass ich Anwältin geworden bin.“ Nun gab es keinen Zweifel mehr. Sie waren Halbschwestern.

Die beiden blieben bis tief in die Nacht im Büro und redeten. Die Baileys-Flasche war bald leer. „Es gab viel zu erzählen,“ sagt Hansen. „Wir fanden viele Gemeinsamkeiten. Wir haben denselben Humor, dieselbe Sensibilität. Wir wollten die verlorenen Jahre zurückholen.“

Die Parallelen im Leben der Frauen sind verblüffend. Sie wuchsen als Töchter verschiedener Mütter in Bellevue auf, ohne von einander zu wissen. Als Kinder besuchten sie, zu unterschiedlichen Zeiten, die Mutter ihres Vaters, die ein kleines Souvenirgeschäft hatte. „Die Oma erzählte mir nie, dass ich eine Schwester habe“, sagt Julie Hansen.

Die beiden Schwestern gingen zum selben Zahnarzt, ins selbe Schwimmbad, allerdings nicht auf dieselbe Schule oder Universität. Doch sie studierten beide Rechtswissenschaften, mit Schwerpunkt „Misshandelte Frauen“. Ihr Studium finanzierten sie, indem sie in Restaurants und Geschäften arbeiteten. In ihrer Kindheit litten beide unter der Abwesenheit ihres alkoholsüchtigen Vaters, der zwar nie aggressiv, aber nutzlos war. Er kümmerte sich nicht um seine Kinder.

Hansens Mutter war 16 Jahre alt, als sie ihr Kind zur Welt brachte. Sie zog die Tochter mit Hilfe ihrer Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf. „Wir lebten von der Wohlfahrt“, erinnert sich die Rechtsanwältin. Als sie vor mehr als 20 Jahren ihren Universitäts-Abschluss mit Auszeichnung machte, lud sie ihren Vater schriftlich zur Feier ein. „Ich hörte nichts von ihm“, sagt die 47jährige.
Das materielle Elend, in dem Julie Hansen aufwuchs, überzeugte sie, Pflichtverteidigerin für arme Menschen werden zu müssen. „Vor allem wollte ich verlassenen Frauen helfen. Ich war nie daran interessiert, viel Geld zu verdienen. Wichtiger ist doch, Menschen zur Seite zu stehen, die vor Gericht kommen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.“

Kelly Steenbock wuchs in der Nähe von Hansen auf. Ihre Mutter verdiente ein wenig Geld als Aushilfe in einem Schönheitssalon. Sie erinnert sich an ihren Vater als einen zwar trinkenden, aber fröhlichen Fernfahrer. „Erst kam er nur selten zu Besuch, dann gar nicht mehr“, erzählt sie. „Wenn er mich manchmal abholte, endeten wir immer in einer Bar. Er setzte mich auf einen Hocker, gab mir eine Limonade und ließ mich allein.“ Als sie älter wurde, wuchs auch in ihr der Wunsch, etwas für die Hilflosen, die Vergessenen in der Gesellschaft zu tun. „Ich habe als Mädchen gesehen, wie schlimm Armut ist, wie unfair einer behandelt wird, wenn er kein Geld hat.“

Hansen hat vier erwachsene Kinder, Steenbock zwei. Sie treffen sich an den Wochenenden mit ihren Familien. Ihre Kinder haben einander kennengelernt und mögen sich. „Wir sind mittlerweile so eng verbunden, dass
ich weiß, was Kelly denkt, wenn ich ihr ins Gesicht schaue“, sagt Hansen.
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