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Ausgabe Nr. 17/2017 vom 25.04.2017, Fotos: duty, picturedesk.com
Christian Kern: „Mit Maßanzügen kann ich nicht aufwarten.“
Im Vorjahr verlangten die Genossen Werner Faymanns Rücktritt.
„Was soll durch eine Neuwahl besser werden?“
Am 1. Mai wird Christian Kern, 51, zum ersten Mal als Kanzler und SPÖ-Chef auf der Tribüne am Wiener Rathausplatz stehen. Vor einem Jahr wurde dort sein Vorgänger Werner Faymann ausgebuht. Zwei Wochen später war Kern Kanzler. Mit der WOCHE-Redakteurin Bibiana Kernegger sprach er über den Zwölf-Stunden-Tag, die Flüchtlingskrise und Maßanzüge.
Herr Bundeskanzler, wann sind Sie denn das letzte Mal bei einer Maikundgebung mitmarschiert?
Ich bin im vergangenen Jahr dabeigewesen. Das ist für mich immer ein Termin, der eine gewisse Tradition hat. Du triffst dort viele Leute, die du lange nicht gesehen hast. Insofern ist das ein Familienausflug der Sozialdemokraten.

Im Vorjahr ist Ihr Vorgänger Werner Faymann ausgepfiffen worden. Was erwarten Sie denn heuer?
Ich freue mich. Das erste Mal an diesem besonderen Tag da oben stehen zu dürfen, sehe ich mit Freude und mit einer gewissen Aufregung.

Sie haben keine Angst vor negativen Äußerungen?
Wenn du Angst vor irgendwelchen Äußerungen hast, dann darfst du dich nicht politisch engagieren. Das gehört dazu.

In den frühen Jahren der Maikundgebung war die Parole „8-8-8“. Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Erholung. Sie wollen jetzt den Zwölf-Stunden-Tag ermöglichen. Wie passt das zusammen?
Das will ich gar nicht. Zwölf Stunden Normalarbeitszeit kommt nicht in Frage. Wir brauchen Arbeitszeiten, die den Notwendigkeiten im Jahr 2017 entsprechen. Wenn wir hier flexibler werden, wäre es sinnvoll, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das Recht bekommen, selbst über ihre Arbeitszeit zu entscheiden. Also diejenigen, die heute Teilzeit arbeiten, aufstocken, und andere weniger arbeiten können.

Aber grundsätzlich soll es schon die Möglichkeit zum Zwölf-Stunden-Tag bei Gleitzeit geben?
Wir haben heute schon die Möglichkeit für flexible Arbeitszeiten in einzelnen Kollektivverträgen. Aber eine Lösung auf dem Rücken der Arbeitnehmer, die Einkommensverluste bedeutet, das wird nicht gehen. Wenn sich manche in der Wirtschaft am Ende aller Träume wähnen und es nur noch um die Gewinne geht und nicht um die Menschen, dann will ich das nicht.

Die Sozialpartner sollen sich bis 30. Juni darauf einigen, ebenso wie auf den 1.500-Euro-Mindestlohn. Was passiert, wenn das nicht zustande kommt?
Dann werden wir das in der Regierung diskutieren und Lösungen suchen. Ich halte beides, vor allem den Mindestlohn, für ein wichtiges Thema. Es gibt 320.000 Menschen, die noch nicht auf diesem Niveau sind. Zwei Drittel davon sind Frauen. 1.500 Euro brutto sind nicht römische Dekadenz, da lebst du nicht im Luxus, sondern kommst gerade über die Runden. Viele sagen, das können wir uns nicht leisten, da geht unsere Wettbewerbsfähigkeit verloren. Was wir uns tatsächlich nicht leisten können, ist, dass Menschen 40 Stunden arbeiten und von dem Einkommen nicht ordentlich leben können.

Ist die SPÖ noch eine Arbeiter-Partei? In Ihrem „Plan A“ kommt das Wort Arbeiter auf fast 150 Seiten nur
sieben Mal vor. Die meisten Arbeiter wählen die FPÖ.

Wir sind es aufgrund unserer Tradition, aber die Gesellschaft hat sich verändert. Schauen Sie sich jemanden an, der eine Mechatroniker- oder eine Tischler-Lehre gemacht hat, der eine gute Ausbildung und eine verantwortungsvolle Aufgabe hat. Fühlt sich der heute noch als Arbeiter? Meine Großeltern-Generation kommt vom Erzberg. Das waren Hackler, die sind knöcheltief im Staub gestanden und haben dort barabert.

Aber 1,3 Millionen von 3,6 Millionen Beschäftigten sind Arbeiter …
Das ist für uns eine Zielgruppe. Ich glaube nur, dass sich das Bewusstein bei diesen Menschen massiv verändert hat. Das ist heute klassische Mittelschicht. Und das ist es, wofür wir stehen. Wir wollen die Partei der Mittelschicht sein, das inkludiert Arbeiter genauso wie Angestellte, Beamte und auch die Ein-Personen-Unternehmer sowie die Kleingewerbetreibenden.

Sie waren im Jahr 2015 während der Flüchtlingskrise ÖBB-Chef. Würden Sie mit dem, was Sie heute wissen, wieder Züge und Bahnhöfe zur Verfügung stellen?
Mit Sicherheit. Meine Aufgabe war, das totale Chaos zu verhindern. Damals ist es völlig durcheinandergegangen, mit einem Schwung sind Hunderttausende Menschen gekommen. Wenn die Bahn nicht funktioniert hätte, die Logistik nicht funktioniert hätte, dann hätten wir die Hunderttausenden auf unseren Straßen gehabt.

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz hat kürzlich gesagt, „man hätte die Grenzen schließen und ordentlich kontrollieren müssen“. Beim jetzigen restriktiveren Kurs gehe es nur um „Machterhaltung der politischen Parteien“. Fühlen Sie sich da irgendwie angesprochen?
Nein, nicht im Geringsten.

Sie haben aber mit Ihrer Haltung zum Umsiedlungsprojekt auch innerparteiliche Kritik erhalten. Ist das bewusstes Fischen bei den FPÖ-Wählern?
Nein, das ist es überhaupt nicht. Natürlich muss für 50 unbegleitete Jugendliche immer Platz sein. Aber wir haben, gemessen an der Bevölkerungsgröße, eine höhere Aufnahmequote als Italien oder Griechenland. Wenn es jetzt darum geht, Flüchtlinge umzuverteilen von besonders betroffenen Ländern, bin ich der Meinung, dass Menschen von Österreich in die Länder müssen, die bislang fast keinen Beitrag geleistet haben und nicht noch mehr nach
Österreich.

Die meisten Bürger glauben nicht, dass wir erst im Herbst 2018 wählen. Halten Sie daran fest?
Ich möchte Sie korrigieren, die meisten Journalisten glauben nicht, dass wir erst 2018 wählen. Die Bürger, denke ich, tun das schon und ich auch. Was soll durch eine Neuwahl besser werden? Hat ein einziger Arbeitsloser einen Arbeitsplatz mehr, hat eine einzige Verkäuferin mehr Einkommen, haben wir einen einzigen Kinderbetreuungsplatz mehr? Sie werden sehen, wir werden nicht früher wählen.

Wetten Sie drauf?
Wenn es an der SPÖ liegt … Wir werden alles tun, um sinnvoll weiterzuarbeiten. Sie wissen, es gehören immer zwei dazu, aber ich bin optimistisch.

Sie haben gesagt: „95 Prozent der Politik, die geboten wird, besteht aus Inszenierung.“ Wie viel Inszenierung ist es bei Ihnen?
Ich komme aus einem Unternehmen, in dem es darum geht, dass du jeden Tag besser werden musst. Und wenn du das nicht schaffst, wirst du irgendwann von einem Konkurrenten abgehängt. In der Politik habe ich das Gefühl, dass viele der Vorschläge ausschließlich für die Schlagzeilen produziert werden und dahinter relativ wenig an Umsetzung passiert.

Es war keine Selbstkritik?
Grundsätzlich war es gar keine Kritik, sondern eine Beobachtung. Aber diese schlagzeilengetriebene Politik löst selten ein Problem.

Sie gelten einerseits als Stilikone, andererseits bespötteln Satiriker Ihre enggeschnittenen Anzüge. Kaufen Sie die selber?
(Lacht) Ich bin erstaunt, dass es Männer gibt, für die ihre Frau einkaufen geht. Nein, das tue ich selbst. Aber ich habe schon oft gelesen, dass ich Maßanzüge trage. Leider, damit kann ich nicht aufwarten.
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