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Ausgabe Nr. 16/2017 vom 18.04.2017, Fotos: afp, reuters
Marine Le Pen könnte Präsidentin in Frankreich werden.
Seine Frau ist 24 Jahre älter als er:
Der Musterschüler Macron will an die Macht

Wenn Emmanuel Macron die Präsidentschaftswahl gewinnt, ist das ein Schlag ins Gesicht der französischen Parteienlandschaft. Der 39jährige ist ohne Parteiapparat hinter sich zum Favoriten aufgestiegen. Einst galt er als Musterschüler von Francois Hollande, er war Wirtschaftsminister in dessen sozialistischen Regierung. Im Sommer hat Macron eine eigene Bewegung gegründet, „En Marche“, übersetzt „Vorwärts“. Seinen Wahlkampf finanziert der frühere Investmentbänker bei Rothschild mit Klein-Spenden und einem Kredit. Laut Umfragen liegen er und Marine Le Pen Kopf an Kopf. Zuletzt hatte aber auch Jean-Luc Melenchon, der 65jährige Gründer der Linkspartei, Chancen.
Im Jesuiten-Gymnasium in Amiens, im Norden Frankreichs, lernte Macron seine jetzige Frau Brigitte kennen. Sie ist 24 Jahre älter als er. Die damals 40jährige unterrichtete Englisch und Latein, er war der Klassenkollege ihrer Tochter. Im Theaterkurs kamen sie sich näher. „Ich habe gespürt, dass ich dahinschmelze. Er auch“, sagte sie einmal. Also bat sie ihn, das letzte Schuljahr in einer anderen Schule zu absolvieren. Der 16jährige ging, nicht ohne anzukündigen: „Sie werden mich nicht los. Eines Tages kehre ich zurück, um Sie zu heiraten.“
Die Hochzeit im Oktober 2007 war ein Riesenfest. Er ist jetzt Stief-Großvater ihrer sieben Enkel. In der Öffentlichkeit ist Brigitte immer an seiner Seite. Dass ihr Mann schon heuer, mit nicht einmal 40 Jahren für die Präsidentschaft kandidiert, erklärte sie einmal spöttisch: „Er muss das 2017 machen, denn 2022 wird ihm mein Gesicht Probleme bereiten.“
Während Marine Le Pen auf EU-Kritik setzt, forderte Macron kürzlich: „Wir brauchen mehr Europa.“ Le Pen will nicht „Vizekanzlerin von Frau Merkel werden“. Macron lobt die deutsche Flüchtlingspolitik. Kanzlerin Angela Merkel und die deutsche Gesellschaft hätten „unsere kollektive Würde gerettet“, sagte er im Jänner, „indem sie notleidende Flüchtlinge aufgenommen, untergebracht und ausgebildet haben“.
Gegen das System
In zwei Wahlgängen, am 23. April und 7. Mai, wählen die Franzosen ihren neuen Präsidenten. Ob Marine Le Pen sich in der Stichwahl durchsetzen kann, hängt davon ab, wie viele Unentschlossene sie überzeugt. Dann will sie das Volk über den EU-Austritt abstimmen lassen.
Marine Le Pen war acht Jahre alt, als sie erkannte: „Wir sind nicht wie die anderen.“ Am 2. November 1976 explodierte eine Bombe im Pariser Wohnhaus der Le Pens, in dem auch das Büro des „Front National“ untergebracht war. Der Sprengsatz riss einen 20 Meter tiefen Krater in das Stiegenhaus. „Diese Horrornacht musste passieren, damit ich verstehe, dass mein Vater Politik macht“, schrieb die 48jährige später in ihrer Biographie.

Anders als ihr heute 88jähriger Vater Jean-Marie Le Pen hat sie aber tatsächlich Chancen, die Präsidentschaftswahl in Frankreich zu gewinnen. Dass sie beim ersten Wahlgang am 23. April in die Stichwahl kommt, gilt als so gut wie sicher.

In Umfragen liegt sie bei 26 Prozent der Stimmen. Aber auch die zweite Runde am 7. Mai könnte Marine Le Pen gewinnen, prophezeien Experten. Wenn es ihr gelingt, ihre Anhänger zu mobilisieren und die Unentschlossenen auf ihre Seite zu ziehen. Immerhin sind die meisten der elf Kandidaten für den ersten Wahlgang Europaskeptiker. Vier von zehn französischen Wählern sind noch unentschlossen.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Mehrheit der Wähler ihrem Gegenkandidaten die Stimme gibt, nur um eine Le Pen im Élysée-Palast, dem Amtssitz des Präsidenten, zu verhindern.

Marine Le Pen ist erfolgreicher, als ihr Vater je war. Sie hat die Mittelschicht erobert, auch mit ihrer Kritik an der EU und einem möglichen Austritt Frankreichs. Die EU habe sich in eine Art „Europäische Sowjetunion“ verwandelt, die alles entscheidet, sagte sie einmal.

„Ich werde ein Referendum abhalten“, verspricht die Blondine mit der rauchigen Stimme jetzt bei Wahlkampfauftritten. „Ich werde Sie nach Ihrer Meinung fragen, und zwar erst, nachdem ich mit Brüssel hart verhandelt habe.“ Wir leben in einer „konfiszierten Demokratie“, erklärt Le Pen. „Konfisziert durch Kommissare, die für uns entscheiden, aber ohne uns und gegen uns.“ Sie sei nicht antieuropäisch, im Gegenteil. „Wir wollen die europäische Idee wiederbeleben, das echte Europa, das ist die Vielfalt der Nationen, das ist das lebendige Europa.“

Vom Euro hält die studierte Rechtsanwältin wenig. Die einzelnen Länder sollten wieder ihre „eigene Währungspolitik machen können.“

Aber auch die Flüchtlingskrise und die Zuwanderung sind im Wahlkampf des 67-Millionen-Einwohner-Landes bestimmende Themen. „Mit dem Wegfall unser Grenzen hat sich bei uns ein Islamismus festgesetzt, der unsere zivilisatorischen Werte infrage stellt, unsere Identität, unser Regelwerk, unsere Sitten, unsere Lebensweise“, sagt Marine Le Pen.

Sie hat den „Front National“ als „Gegen-das-System“-Partei positioniert. Doch zuletzt war die EU-Abgeordnete wegen des Verdachts der regelwidrigen Bezahlung von Mitarbeitern unter Druck geraten. Le Pen hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Im Jahr 2011 hat Marine Le Pen die „nationale Front“ von ihrem Vater übernommen. Vier Jahre später kam es zum Bruch mit dem Parteigründer, als Jean-Marie Le Pen wieder einmal Gaskammern als „Detail der Geschichte“ bezeichnete. Die Tochter ließ ihn aus der Partei ausschließen. Wegen Leugnung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde der frühere Fremdenlegionärs-Offizier 2016 auch schuldig gesprochen und zu 30.000 Euro Strafe verurteilt.

Dabei standen sich Marine Le Pen und ihr Vater immer nahe. „Sie ist wie ich, nur mit Brüsten“ sagte er einmal. Sie meinte von ihm, er sei „der Mann meines Lebens“. Lange stand sie auf seiner Seite.

Auch als 16jährige, als ihre Mutter Pierette mit einem Journalisten durchbrannte. Der gehörnte Ehemann drehte ihr den Geldhahn zu, meinte auf Unterhaltsforderungen, sie könne ja putzen gehen. Marines Mutter posierte daraufhin spärlich bekleidet mit Staubsauger und Wischtuch im „Playboy“. 15 Jahre lang redeten Mutter und Tochter nicht mehr miteinander.

Sie selbst ist zwei Mal geschieden. Aus ihrer ersten Ehe hat sie die 1998 geborene Tochter Jehanne und die ein Jahr älteren Zwillinge Louis und Mathilde. Derzeit ist der Vizepräsident des Front National, Louis Aliot, an ihrer Seite.

Ganz hat sich Marine Le Pen aber nicht vom Vater gelöst. Er soll ihren Wahlkampf laut Berichten mit Millionen Euro unterstützen. Immerhin hat er vor Jahrzehnten ein Vermögen von einem Zement-Industriellen geerbt.

Der Austritt Großbritanniens aus der EU und die Wahl Donald Trumps haben auch Marine Le Pen Auftrieb gegeben. Schon Ende vergangenen Jahres war sie sicher: „Es gibt eine Form der Revolte seitens des Volkes gegen ein System, das nicht mehr ihm dient, sondern sich selbst dient.“
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