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Ausgabe Nr. 14/2017 vom 04.04.2017, Fotos: Trölß
Anwalt Dr. Peter Ozlberger brachte für seinen Mandanten Franz Windisch Klage
gegen Novomatic ein. Der Konzern musste zahlen.
Die Urteilsbegründung.
Spielsüchtiger bekam vom Gericht 430.000 Euro zugesprochen
Bereits in seiner Jugend ist ein Niederösterreicher der Spielsucht verfallen. Er verlor mehr als eine Million Euro. Sogar Kredite nahm er auf, ebenso schnorrte er Geld bei Freunden, nur, um es in die Automaten der Firma Novomatic zu stecken. Er hat alles verspielt. Wären die Automaten nicht per Gesetz entfernt worden, wäre sein Schicksal ungewiss. Seiner Spielgrundlage entzogen, fand er zu seiner Familie zurück und klagte den Konzern. Mit Erfolg.
Der Weg in die Spielsucht, in diesen nie endenden, alles verzehrenden Strudel, vollzog sich schleichend. „Ich habe schon in jungen Jahren gespielt, kleine Sachen. Ich weiß nicht, vielleicht liegt mir das im Blut“, meint Franz Windisch (Name von der Redaktion geändert) aus Nieder-
österreich. „Um Geld aufzutreiben, habe ich damals meine Schallplatten zum Pfandleiher gebracht, dafür erhielt ich ein paar hundert Schilling fürs Spielen am Automaten. Ich habe das immer schon gerne gemacht. Der Kick war einfach das ganze Drumherum. Ich persönlich glaube, dass jeder Mensch in irgendeiner Art und Weise einer Sucht unterliegt.“

Beim Mittfünfziger aus Niederösterreich hatte der Drang zum Automaten allerdings fatale Folgen. Fast vierzig Jahre lang beherrschte er das Leben des Frühpensionisten und wäre ihm nicht 2013 das Geld ausgegangen sowie nicht Anfang 2015 ein neues Gesetz in Wien in Kraft getreten, demzufolge Spielautomaten verboten sind, hätte sein Leben vielleicht ein vorzeitiges Ende genommen. So aber darf er sich sogar über ein gerichtliches Urteil freuen, indem ihm 430.000 Euro zuerkannt wurden. Es ist die höchste Summe, die der Glücksspiel-Betreiber Novomatic einem Süchtigen bislang zahlen musste. „Dass es in Wien keine Automaten mehr gibt, war meine Rettung“, sagt Windisch. „Denn ich habe nur in Wien gespielt. Im Wurstelprater und noch häufiger im Böhmischen Prater, in diesen beiden großen Novomatic-Hallen. Ich war wie im Rausch. Dieses Klingeling der Automaten, das Taktaktak, wenn die Räder aufhören, sich zu drehen, das Licht, die gesamte Atmosphäre dieser Scheinwelt förderten meine Abhängigkeit. Und es gibt zwei Möglichkeiten, um aus der Halle hinauszugehen, entweder weil du vollkommen erschöpft bist oder weil du kein Geld mehr hast. Du kannst hineingehen mit 5.000 Euro und zum Schluss kratzt du die letzten noch verbliebenen Münzen zusammen, nur um noch einmal draufdrücken zu können. Und dann gehst du hinaus und wachst auf aus dem Wahnsinn und denkst dir, ‚Was ist jetzt passiert?‘ Ich bin dann mit dem Auto heimgefahren und dachte: ,Das bin nicht ich. Ich bin nicht so deppert.‘ Es war, als würde ich aus einem Albtraum erwachen. Ich konnte mein Handeln nicht fassen. Für mein Umfeld galt das Gleiche. Freunde sagten zu mir immer wieder, dass dieses Verhalten gar nicht zu mir passe, weil ich eher ein ruhiger Mensch sei.“

Der dennoch auf seine Familie zählen konnte. Selbst als die Wohnung nicht mehr besser aussah als eine Höhle. „Wir hatten kein ordentliches Bett mehr. Meine Frau und die beiden Kinder haben auf einer Matratze geschlafen, ich auf dem Wohnzimmersofa. Aber nicht, weil wir die Einrichtung verkaufen mussten, sondern sie kaputt geworden ist und wir kein Geld hatten, um sie zu ersetzen. Ich habe jeden Euro, der hereinkam, verspielt. Sogar Kredite habe ich aufgenommen. Einmal in der Höhe von 30.000 Schilling, später einen Fremdwährungskredit über 73.000 Euro. Selbst Freunde und Verwandte habe ich um Geld gebeten. Ich lebte in dem Wahn, das System besiegen und mit Gewinn aussteigen zu können.“

Der Drang zu spielen war nicht zu stoppen. Selbst wenn der Verlust noch so hoch war und Selbstzweifel aufkamen. „Bis zu 11.500 Euro habe ich an einem Tag verspielt“, erinnert sich Windisch. Ebenso an das böse Erwachen danach, als der Spielrausch vorbei war. „Ich dachte, am besten wäre es, ich mache ein Ende und fahre in die Donau, weil ich ein Volltrottel bin. Schließlich wusste ich, was ich getan hatte. Meine Eltern sind brave, hart arbeitende Menschen und ich hatte beinahe so viel an einem Tag verspielt, wie sie das ganze Jahr über verdienen. Es war schrecklich.“

Dank seines Rechtsanwaltes Dr. Peter Ozlberger, 46, aus Waidhofen an der Thaya kann der Mittfünfziger heute dennoch wieder lachen. Er hat gegen Novomatic Klage eingebracht „und argumentiert, dass die Automaten nicht dem Gesetz entsprochen haben, weil die Grenzen für den Einsatz und für den möglichen Gewinn pro Spiel überschritten wurden. An und für sich sollte in Wien der Spieler nur 50 Cent pro Spiel verlieren und höchstens 20 Euro pro Spiel gewinnen dürfen“, erklärt Anwalt Ozlberger. „Es gab auch ein Gutachten, in dem bestätigt wurde, dass mein Mandant spielsüchtig war und aufgrund dessen geschäftsunfähig. Ein wesentlicher Punkt, denn nicht jeder Spielsüchtige ist geschäftsunfähig. Dazu bedarf es schon einer außerordentlichen Ausprägung dieser Sucht. Durch ein psychologisches Gutachten wurde dies Herrn Windisch attestiert. Eingeklagt haben wir beim Landesgericht Wiener Neustadt mehr als 600.000 Euro auf dem Zivilrechtsweg, weil dort der Sitz von Novomatic ist. Das Unternehmen musste letztlich etwa 430.000 Euro an meinen Mandanten auszahlen.“

Für Windisch ist das Geld die Hoffnung auf einen Neubeginn. Um Schulden zurückzuzahlen und seiner Familie ein schönes Zuhause zu geben. „Freilich ersetzt es nicht meine Verluste, immerhin habe ich mehr als eine Million Euro verspielt. Aber ich lebe gegenwärtig glücklich fernab des Spielens. Wenn ich sage, ich könnte nicht rückfällig werden, würde ich lügen, aber ich kämpfe dagegen an. Seit drei Jahren erfolgreich.“
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