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Ausgabe Nr. 13/2017 vom 28.03.2017, Fotos: Ullrich
Täglich außer Montag öffnet die 89jährige die Pforten ihres Lichtspieltheaters.
Auch für fünf Besucher wird der Saal geöffnet.
Eine Kinokarte kostet sieben Euro.
Der Unterschied zu einem Multiplex-Kino könnte größer nicht sein.
„Ruhestand kommt für mich nicht in Frage“
Als Hilda Diwald in Frauental an der Laßnitz ihr Kino eröffnete, hatte Leopold Figl noch nicht einmal den Staatsvertrag unterzeichnet. Im Jahr 1952 flimmerte der Film „Zwei Himmelblaue Augen“ mit Theo Lingen über die Leinwand. Die Filme und deren Helden haben sich zwar mittlerweile verändert, aber die 89jährige sitzt noch immer wie vor 65 Jahren an der Kassa und verkauft Kinokarten.
Mehr als 20 Säle, bombastischer 3-D-Klang, Leinwände so groß wie ein Tennisplatz, Onlinebuchung, stilvolle Loungebereiche, meist mit angeschlossener Erlebnisgastronomie. Das alles bieten moderne Kinozentren, um ihren Gästen ein perfektes Filmerlebnis zu ermöglichen. Und das alles gibt es in der Marktgemeinde Frauental an der Laßnitz (Stmk.) nicht. „Das würde sich nicht einmal ausgehen, wenn ich einen Goldesel hätte, der Golddukaten spuckt“, meint Hilda Diwald schmunzelnd. Wie früher die Bankkassiere sitzt sie hinter einer Glasscheibe an der Kassa. Was sie ausgibt, sind aber nicht Geldscheine, sondern Eintrittskarten. Die 89jährige führt das einzige Lichtspielhaus des Ortes.

„Vielleicht weil die anderen nicht so eisern waren wie ich“, versucht Diwald mit einem Lachen zu erklären, warum sie das Kinosterben der 70er Jahre überlebt hat. „Früher gab es 15 Kinos in der Region, heute noch zwei, das nächste ist 20 Kilometer entfernt.“ Eisern musste die Seniorin wahrlich oft in ihrem Leben sein. Das begann schon mit dem Bau des Kinos, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Walter von 1949 bis 1952 errichtete. „Wir haben mit unseren Händen Ziegelstein auf Ziegelstein gesetzt. Geld für Maschinen hatten wir nicht“, erklärt Diwald. Und eisern musste sie auch sein, als ihr geliebter Ehemann im Jahr 1979 an einem Blutgerinnsel im Gehirn plötzlich verstarb. „Da dachte ich, es ist alles aus“, erzählt sie, während sie den Streifzügler durch die Räumlichkeiten geleitet.

Ein kleines Foyer, in dem die Plakate aktueller Filme hängen, zu rechter Hand, kurz vor dem Eingang in den Saal, die Kinokassa. Auf der anderen Seite ein Verkaufsstand mit diversen Naschereien. An dem sich Emilie, 11, und Leonie, 10, mit Chips und Eistee eindecken, bevor sie in das Halbdunkel des Saales eintreten. „Chips gehören einfach zum Kino dazu“, sagt die Elfjährige, als sie es sich in einem der Sitze bequem macht. „Im Kino einen Film anzusehen ist etwas Besonderes. Die große Leinwand, keiner stört, es ist dunkel“, erklärt das Mädchen, warum sie trotz Konkurrenz von Fernsehen und Internet das Kino besucht. Mit Janine Zach, die mit ihren beiden Kindern auf den Beginn des Spielfilmes „Bibi & Tina: Mädchen gegen Jungs“ wartet, überschreitet die Besucherzahl gerade die kritische Masse. „Wenn es weniger als vier Besucher sind, dann sage ich die Vorstellung ab“, sagt Diwald.

Viel hat sich in den 65 Jahren, seit das Kino besteht, verändert. „Ich kann mich noch genau an den ersten Film erinnern, den wir gezeigt haben. Es war ‚Zwei himmelblaue Augen‘ mit Theo Lingen. Der Saal war voll, alle 240 Sitze waren belegt“, erinnert sich die Steirerin gerne an die goldenen Zeiten.

„Damals sind Filmrollen noch in großen Blechdosen mit der Bahn geliefert worden.“ Auch wenn ihr Kino von außen noch so aussieht, als wäre die Zeit stehen geblieben, hat Diwald es innen technisch aufgerüstet. Im „Kammerl“, wie sie den kleinen Vorführraum nennt, steht nun ein digitales Abspielgerät, das ihr Techniker Marko Pommer über den Laptop bedient. „Und die Filme bekommen wir auf einer Festplatte“, sagt Pommer, dessen Vater schon an der Filmmaschine stand, und hält ein kleines Kasterl in der Hand, auf dem der Film digital gespeichert ist. „Papa hat mir oft erzählt, wie früher die Filme gerissen sind und er in aller Eile die Enden wieder kleben musste.“

Auch die Ausstattung im Saal ist ansehnlich. Vor zwei Jahren ließ Diwald die komplette Bestuhlung austauschen. Die wesentlich breiteren, dafür auch besser gepolsterten Kinosessel forderten aber einen hohen Tribut. Die Zahl der Sitze sank von 240 auf 128. „Aber da der Saal in den vergangenen Jahren ohnehin nie voll war, hab‘ ich das verkraften können“, lacht Diwald. Dass es ihr kleines, aber feines Lichtspieltheater trotzdem nicht mit der übermächtigen Konkurrenz der großen Kinoketten aufnehmen kann, weiß die 89jährige natürlich. Daher sind ihre Preise auch wesentlich Brieftaschenfreundlicher. „Sieben Euro kostet ein Platz in den ersten sechs Reihen, einen Euro mehr die Reihen sieben bis zwölf.“

Ihr Zugeständnis an die Erlebnisgastronomie der Multiplexe ist das kleine, angeschlossene Café, in dem sie die Gäste bewirtet, wenn der Film läuft. „Mit 14 Jahren bin ich schon hier ein und aus gegangen“, erklärt sich Kristian Partanusch als Stammgast des Kinocafés. „Hier ist es gemütlich und hin und wieder gönne ich mir einen Film. Das werde ich machen, so lange es das Kino gibt.“ Seine Chancen stehen gut, dass er sein Stammlokal noch einige Jahre besuchen wird können. „Kommt halt drauf an, wie lange ich noch lebe“, sagt die Kinobesitzerin. „Ruhestand kommt für mich jedenfalls nicht in Frage.“
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