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Ausgabe: 2010-26

Der Skandal der reichen Dame

In Frankreich wird ein Familienstreit zum nationalen Skandal. Liliane Bettencourt, 87, die Erbin des Kosmetikkonzernes L‘Oréal, machte einem guten Freund „Geschenke“ in Höhe von beinahe 1.000 Millionen Euro. Ihre Tochter verklagte den Mann, der Prozess beginnt am 1. Juli. Doch nun tauchten geheime Tonbandaufzeichnungen auf, die sogar hohe Politiker in Bedrängnis bringen.

Es ist eine Geschichte wie aus einem packenden Spielfilm. Eine schwerrei-
che, alte Dame schenkt einem „Freund“ beinahe 1.000 Millionen Euro. Ihre Tochter, die einzige Erbin, verklagt den Günstling. Der Butler der alten Dame zeichnet ihre Privatgespräche auf und übergibt sie der Tochter, damit diese beweisen kann, dass ihre Mutter nicht im Besitz ihrer geistigen Kräfte ist und die Geschenke zurückgegeben werden müssten. Aber dann wird plötzlich aus einem Familienstreit eine Staatsaffäre.
Diese Geschichte stammt jedoch nicht aus einem Drehbuch, sondern aus dem Leben von Liliane Bettencourt, 87, der Erbin des Kosmetikkon-
zernes L‘Oréal. Mit einem Vermögen von 16.000 Millionen Euro ist sie die reichste Frau Europas. Der Fotograf François-Marie Banier, 61, wurde von ihr mit Bargeld, Gemälden und einer kleinen Insel der Seychellen beschenkt. „Ich weiß sehr wohl, dass ich einen Teil meines Vermögens hergegeben habe“, versichert die 87jährige. Ihre Tochter Françoise Bettencourt Meyers, 55, ist jedoch überzeugt, dass ihre Mutter nicht mehr klar denken kann.
Sie will, dass Bettencourt unter Vormundschaft gestellt wird. Dagegen kämpft die alte Dame an. „Ich mache mir nur wenig aus materiellen Dingen“, erklärt sie die Geschenke an Banier. „Alles, was ich gegeben habe, gab ich freiwillig.“ Ob das tatsächlich der Fall war, soll ab 1. Juli ein Prozess klären, den die Tochter gegen den Fotografen angestrengt hat. Sie will auch erreichen, dass ihre Mutter nicht mehr über das Familienvermögen verfügen darf.
Dazu muss Bettencourt Meyers beweisen, dass ihre Mutter unzurechnungsfähig ist und soll deshalb deren Butler angestiftet haben, heimlich Gespräche der 87jährigen und ihrer Berater aufzuzeichnen. „Es gab in der Vergangenheit schon häufiger Abhörskandale. Aber zwischen einer Mutter und einer Tochter? Das ist traurig“, beschwert sich Bettencourt. Die Situation geriet endgültig aus dem Ruder, als die Staatsanwaltschaft die Tonbänder erhielt.
Denn auf ihnen befinden sich Gespräche zwischen der L‘Oréal-Erbin und ihrem Vermögensberater Patrice de Maistre, die nicht nur auf geheime Auslandskonten, sondern auch auf einen politischen Skandal hindeuten. De Maistre spricht auf den Bändern von seinen exzellenten Beziehungen zu hohen Stellen, die Bettencourt und François-Marie Banier beim bevorstehenden Prozess helfen könnten.
So war die Rede davon, dass ihm Patrick Ouart, 51, der ehemalige Rechtsberater von Präsident Nicolas Sarkozy, 55, verraten habe, Sarkozy würde den Prozess genau verfolgen. „In erster Instanz können wir nichts tun. Aber im Berufungsverfahren kennen wir den Staatsanwalt äußerst gut“, soll Ouart versichert haben.
Auch Arbeitsminister Eric Woerth, 54, gerät durch die Tonbänder in den Verdacht der Korruption. Bis März war er als Haushaltsminister für Steuersünder zuständig. Die Bänder beweisen, dass seine Frau seit drei Jahren für jene Firma arbeitet, die Liliane Bettencourts Vermögen verwaltet. Angeblich bat der Politiker um den Posten und soll als Gegenleistung Steuerhinterziehungen Bettencourts durch Auslandskonten „übersehen“ haben. „Meine Frau und ich haben uns nichts vorzuwerfen“, wehrt er sich. In Frankreich wird indes sein Rücktritt gefordert.
Liliane Bettencourt wird nun den französischen Behörden ihre Konten im Ausland offenlegen. Sie will, dass sich der Wirbel um ihr Geld und ihre Person legt. Doch nach der Aufregung um den Lauschangriff und die politischen Verstrickungen richten sich nun alle Augen auf den Auslöser des Skandals, den Fotografen François-Marie Banier. Ab 1. Juli soll ein Gericht klären, ob er sich die Geschenke der alten Dame erschlichen hat. Für Bettencourt gibt es keinen Grund für eine Verhandlung. „Ich kenne Banier seit mehr als 20 Jahren. Meine Tochter will nicht verstehen, dass ich ihm Geschenke gemacht habe, weil ich ihn schätze“, sagte sie.
Banier beharrt ebenfalls darauf, Bettencourt nie um Geld gebeten zu haben. „Diese Sache macht mich unglücklich und traurig für meine Freundin Liliane. All das tut einer brillanten, freien Frau an ihrem Lebensabend weh“, zeigt er sich um das Wohl seiner Gönnerin besorgt. Er sieht im Prozess einen Versuch der Tochter, Bettencourt zu entmachten.
Genau davor hat die 87jährige Angst. Ihr Vater Eugène Schueller gründete einst den Kosmetikkonzern L‘Oréal. Sie besitzt 27,5 Prozent des Unternehmens, weitere 26,4 Prozent gehören dem Nestlé-Konzern und der Rest wird auf dem freien Aktienmarkt gehandelt. Liliane Bettencourt ist überzeugt, dass ihre Tochter die Anteile der Familie sofort verkaufen würde, weil sie nie Interesse an der Firma gezeigt hat. „Ich glaube, sie geht in ihrer Musik auf“, meint sie über ihre Tochter, die zwar als Aufsichtsratsmitglied im Konzern tätig ist, aber lieber Pianistin wäre. Der Anwalt der Tochter ist sich sicher, dass die Tonbänder zeigen, wie verwirrt Bettencourt ist. „Sie leidet unter Gedächtnislücken und wird von ihren Beratern beeinflusst“, erklärt er. Die Bänder haben jedoch vor Gericht keine Beweiskraft, weil sie illegal entstanden sind. Françoise Bettencourt Meyers setzt weiter alles daran, die Geschäfte ihrer Mutter zu übernehmen. Die alte Dame sagt ihr deshalb den Kampf an. „Die abscheulichen Aufzeichnungen, die mein Privatleben bloßstellen, werden mich nicht davon abhalten, meine persönlichen Angelegenheiten weiter selbst zu regeln“, erklärte sie. „L‘Oréal ist mein Leben. Ich werde es bis zum Ende beschützen.“