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Ausgabe: 2011-38

Ein Leben voller Ungereimtheiten

„Junge, komm bald wieder“, sang Freddy Quinn am Höhepunkt seiner Karriere. Kurz vor seinem 80. Geburtstag will er nicht zu uns zurückkommen, denn er reist um die Welt. Früher sprach er ausgiebig über sein Leben und erzählte unglaubliche Abenteuer, doch an die Öffentlichkeit will er nicht mehr. Allerdings bekommt er ein unliebsames Geburtstagsgeschenk vom Autor Elmar Kraushaar, der Quinns Lebensgeschichte durchforstet hat, um in „Ein unwahrscheinliches Leben“ den wahren Freddy Quinn zu finden.

Es war einmal ein kleiner Bub, der aus Wien „verschwand“, um bei seinem Vater in Amerika zu leben. Später holte ihn seine Mutter wieder zurück, doch nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete er als 14jähriger erneut und reiste durch viele Länder. Er schloss sich einem Zirkus an, schlug sich sogar bis nach Algerien durch und verdiente sich den Lebensunterhalt mit seiner Gitarre und seiner Stimme. Schließlich wurde aus ihm einer der erfolgreichsten Sänger aller Zeiten. Das ist die Lebensgeschichte von Freddy Quinn, so wie er sie gerne erzählt. „Mein Leben hört sich an wie eine Erfindung“, gab der Sänger vor mehr als zehn Jahren zu.
Dass viele seiner Geschichten nicht wahr sind, will der Autor Elmar Kraushaar mit seinem Buch „Freddy Quinn - Ein unwahrscheinliches Leben“ zeigen. „So, wie er seinen Lebensweg erzählt, tauchen Ungereimtheiten auf. Die Wahrheit weicht in vielen Details deutlich von der Künstler-Legende ab“, sagt Kraushaar über den gebürtigen Österreicher, der mit Liedern wie „Heimweh“ oder „Junge, komm bald wieder“ berühmt wurde. „Freddy Quinn wurde in Hamburg (D) entdeckt und dem Publikum als einsamer Seefahrer verkauft. Also musste eine passende Lebensgeschichte für ihn erfunden werden“, meint der Autor.
So ranken sich allein schon um Quinns Geburtsort viele Legenden. Einmal wurde er am 27. September 1931 in Wien, dann im niederösterreichischen Niederfladnitz und ein anderes Mal in Pula auf der Halbinsel Istrien geboren. Quinn änderte seine Geschichte im Lauf der Jahre immer wieder. Zuletzt legte er sich auf Wien fest. „Am Sterbebett hat mir meine Mutter geschworen, dass ich hier zur Welt kam“, hält er fest. Dabei ist er auf den Ort seiner Zeugung ohnehin stolzer, denn dort begann auch seine Karriere. „Wien war ein ,Geburtsfehler‘. Aber zumindest wurde ich in Hamburg gezeugt.“ Seine Mutter soll als Journalistin bei einer Zeitung in der Hansestadt gearbeitet haben, als sie Quinns Vater kennenlernte.
Die beiden haben nicht geheiratet, auch nicht, als sich Nachwuchs ankündigte. „Durch meine Geburt habe ich meiner Mutter etwas Furchtbares angetan, sie war ja unverheiratet. 1931 war das eine moralische Ungehörigkeit“, weiß Quinn. Wer sein Vater ist, bleibt ebenso ein Rätsel. Ein Ire soll er gewesen sein, der später in Amerika lebte. Ein anderes Mal erzählte Quinn, er sei der Sohn eines italienischen Unternehmers. „Ich bin überzeugt, dass Freddy seinen Vater nicht kannte“, sagt Elmar Kraushaar. Er konnte bei seiner Informationssuche für das Buch weder Hinweise auf Quinns angebliche frühe Kindheit in Amerika noch auf den Vater finden.
Tatsache ist, dass im Pass des Sängers der Name Quinn und nicht Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl steht, unter dem er vor 80 Jahren mehreren Quellen nach zur Welt gekommen sein soll. „Das habe ich selbst gesehen“, bestätigt der Autor des Enthüllungsbuches. Eine Erklärung dafür hat er nicht, doch Freddy Quinn hat ihm das Dokument vor Jahren gezeigt. „Er hatte immer einen Koffer dabei, in dem alles Wichtige drinnen war. Da hat er seinen Pass herausgeholt und ihn mir vorgelegt“, erinnert sich Kraushaar.
Der Koffer ist eine Eigenheit Freddy Quinns. „Da habe ich alles drinnen. Ich kann jederzeit verschwinden. Er ist mein ganzes Fluchtgepäck. Es ist ein beruhigendes Gefühl, jederzeit weg zu können“, erzählte der Sänger vor Jahren.
Bis vor einiger Zeit machte er von seinem Fluchtgepäck nicht Gebrauch, doch der Verlust seiner langjährigen Lebensgefährtin Lilli Blessmann im Jahr 2008 hat ihn dazu gebracht, auf Weltreise zu gehen. „Freddy Quinn lernte Blessmann gleich zu Beginn seiner Karriere kennen. Die beiden haben zwar nie geheiratet, aber sie war die Frau in seinem Leben“, so Kraushaar.
Quinns Freund und Manager Werner Triepke bestätigt, dass der Sänger nach dem Tod seiner großen Liebe rastlos wurde. „Derzeit ist er in Neuseeland mutterseelenallein unterwegs. Lillis Tod hat ihn sehr mitgenommen. Er war seit 1954 mit ihr zusammen. Freddy hat jetzt niemanden mehr, außer ein paar Freunden, die rund um den Globus verstreut sind. Und die trifft er jetzt auf seinen Reisen“, so Triepke.
Zurück auf die Bühne will Freddy Quinn auf keinen Fall. „Natürlich gibt es immer wieder Anfragen. Vor allem jetzt vor seinem 80. Geburtstag am 27. September“, meint Triepke.
„Aber er sagte mir klipp und klar: ,Ich bin kein Howard Carpendale, der irgendwann den Rücktritt vom Rücktritt bekannt gibt. Ich bin auch kein Johannes Heesters und ich möchte nicht irgendwann auf der Bühne zusammenbrechen.‘“
Seinen Lebensabend will der Künstler in aller Ruhe verbringen und abseits der Öffentlichkeit noch das eine oder andere Abenteuer erleben. Früher erzählte Freddy Quinn liebend gern von seinen phantastischen Erlebnissen, doch heute behält er sie für sich.