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Ausgabe Nr. 21/2016 vom 23.05.2016, Fotos: Wurzinger
Sabine Wurzinger.
Ein Tag am Milchhof. Ewald und Sabine Wurzinger sind erschöpft, aber zufrieden.
Kuh4You – Kuh mieten und Milchprodukte genießen:
Um 150 Euro pro Jahr kann sich jeder Tierfreund am Milchhof Wurzinger seine eigene Kuh mieten. Dafür erhalten
die „Neobauern“ neben einer Urkunde vier Mal pro Jahr ein Paket voll „kuhler“ Überraschungen. Je nach Saison finden sich darin Käse, Aufstriche, Topfen, Joghurt und Frischmilch. „Der Pate kann seine Kuh auch gerne besuchen und selber füttern“, sagt Ewald Wurzinger junior, der die Idee zu Kuh4You hatte. „Wir wollen damit das Tier wieder in den Vordergrund rücken und den Verbrauchern unsere Produkte nahebringen, sodass sie sie wieder schätzen lernen“, betont Ewald Wurzinger senior, obwohl: ein großes Geschäft ist das Projekt nicht. Aber das Packerl Milch bekommt auf diese Weise ein Gesicht. „Mir ist wichtig, dass meine Kinder wissen, woher die Milch kommt. Daher werden wir im Sommer unsere Kuh besuchen“, sagt eine „Kuhpatin“. Solche Paten gibt es bereits Dutzende, aus der Steiermark, Wien, auch aus Schweden. Sogar bis nach Australien hat sich das Projekt herumgesprochen. Ein Milchbauer aus Sydney möchte es verwirklichen. „Er hat mehr als 100 Kühe, liefert auch Schulmilch und möchte ein neues Bewusstsein schaffen, weil die Agrarindustrie immer übermächtiger wird“, erzählt Wurzinger senior. Damit die „Neobauern“ ihre Kühe auch von zu Hause aus beobachten kön-
nen, werden bald Kameras in Wurzingers Stall eingesetzt, und Bilder von „Adelheid“, „Molly“ und „Zenzi“ per Internet in alle Welt übertragen.
„Die harte Arbeit zahlt sich aus“
Am Milchhof Wurzinger im steirischen Vulkanland ist der Arbeitstag lang. Die Kühe werden im großen Freilaufstall versorgt. Ihre Milch wird sorgsam zu zahlreichen Produkten wie feinem Käse, Jausentopfen und cremigem Joghurt verarbeitet.
Zeitig, um drei Uhr in der Früh, steht die Mama auf und geht in den Stall. Da stehen unsere 90 Kühe, von der ‚Adelheid‘ bis zur ‚Zenzi‘, schon vor den Melkständen. Die schwarz-weißen Kühe sind immer zuerst dran, sie haben mehr Durchsetzungsvermögen und wissen, wer zuerst gemolken wird, kriegt gleich danach das frische Futter. Die ‚Molly‘ hingegen ist eine Langschläferin“, erzählt Ewald Wurzinger, 29, liebevoll von den unterschiedlichen Charakteren seiner zahmen Wiederkäuer. Er packt neben seinem Beruf als Journalist am elterlichen Hof, dem Milchhof Wurzinger in Fehring, mitten im südoststeirischen Vulkanland mit an. Und Hilfe tut Not, denn seine Eltern Sabine, 51, und Ewald, 55, die seit dem Jahr 1996 den Vollerwerbs-Rinderbetrieb auf 40 Hektar Wiese, Weideland und Wald bewirtschaften, können jede helfende Hand gut gebrauchen. Abseits von sprechenden Schweinchen aus der Werbung ist die Landwirtschaft harte Arbeit.

„Die Mama ist zwei Stunden lang mit dem Melken beschäftigt, zwischen 400 und 500 Liter Milch werden täglich gemolken. Mein Vater mistet ab fünf Uhr die Liegeboxen im Freilauf-Rinderstall aus, er gibt den jungen Kälbern Milch und ist für die Futterbeschaffung zuständig. Und ich helf‘ halt, wo Not am Mann ist“, bleibt Wurzinger junior bescheiden. Um sechs Uhr werden 150 Liter
frische Milch in Flaschen gefüllt, bis zehn Uhr werden Vollmilch, Kakao, Eiskaffee und erfrischende Fruchtmilch-
mixgetränke an Schulen, Kindergärten und Privatkunden ausgeliefert. Auch Seniorenheime, Hotels, regionale Bauernläden sowie Supermärkte versorgt Familie Wurzinger täglich mit Vollmilch, Joghurt, Frisch- und Schnittkäse.

Danach ist freilich noch nicht an eine Pause zu denken, auf geht‘s zum Produzieren. „Unseren Käse stellen wir zum größten Teil aus Rohmilch, aber auch aus pasteurisierter
Milch her. Sobald er seine eigentliche Form angenommen hat und einige Zeit im Salzbad gelegen ist, wird er sorgfältig in erhitztes Paraffin getaucht, damit er in unserem 300 Jahre alten, restaurierten Gewölbekeller problemlos reifen kann“, erklärt die diplomierte Käsesommelière Sabine Wurzinger und kann nur einen Bruchteil ihrer langen Produkt-Liste nennen. „Der ‚charmante Steirerbua‘ ist ein Weißschimmelkäse aus pasteurisierter Vollmilch, das ‚kecke Steiramadl‘ auch, aber verfeinert mit französischer Asche aus Buchenholz (jede Käsesorte 1 kg/€ 16,50). Wir produzieren cremiges Naturjoghurt und 45 fruchtige Joghurtsorten wie Marille, Vanille, Himbeer-Zitrone, Pfirsich, Kokos und Schoko-Orange (1 Becher/€ 0,60). Weiters Aufstriche und unsere Bauernbutter aus Süßrahm (250 g/€ 2,50), die noch von Hand gestampft wird. Jausentopfen (1 kg/€ 9,–), zartmilder Mostkäse, Fitnesskäse, ‚Bierkas‘, ‚Speckkas‘ und Frischkäse“, kommt die emsige 51jährige beim Aufzählen kaum noch zu Atem, ist aber stolz auf ihre Produkte, die bereits landes- als auch bundesweit mehrfach ausgezeichnet wurden („Kasermandl in Gold“, steirischer Landessieger, AMA-Gütesiegel). „Die harte Arbeit zahlt sich eben aus“, ist Sabine Wurzinger zufrieden. Im Hofladen, der von Montag bis Samstag, 9–12 Uhr und 14–18 Uhr geöffnet ist, oder auch gegen Voranmeldung können diese gschmackigen, mit viel Fleiß, Sorgsamkeit und Liebe hergestellten Milchprodukte gekauft werden.

Die Kunden bedienen, Essen zubereiten, Haushalt führen – der Tag ist noch lang für die drei Wurzingers. Um Punkt fünf kommen ihre Milchlieferanten von der Weide herein und „wenn ich dann schreie ‚Seeejj‘, stürmen sie auf mich zu. Das ist ein gutes Gefühl“, schwärmt Wurzinger
junior und betont, „Jede Kuh gibt täglich zirka 30 Liter Milch. Wenn sie aber keine Maximalleistung mehr erbringen kann, wird sie nicht einfach geschlachtet, da ist die Mama schon dahinter. Mit etwa 15 Jahren geht sie dann, stressfrei, zu Fuß zu unserem Nachbarn, der Schlachter ist.“ Nach dem Melken, Füttern und der Stallarbeit kehrt endlich Ruhe ein, um neun Uhr abends, zum ersten Mal an diesem Tag, ist Zeit, an sich selbst zu denken. Aber nicht lang, denn schon vor zehn Uhr fallen die Augen zu – bis um drei Uhr wieder der Wecker läutet …
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Relly
Milchhof
Die Milchhof- Geschichte ist erstaunlich! Wer denkt schon daran, wenn wir einkaufen, welch harte Arbeit dahintersteckt. Mein Kompliment diesen Menschen, die so willig und auch einfallsreich sind.
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