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Ausgabe Nr. 11/2017 vom 14.03.2017, Fotos: Caters News
Bei der Arbeit im Rudel vergaß Sarah ihre Ängste.
Varley magerte auf 45 Kilo ab.
Varley mit ihrem Freund Matthew.
„Die Wölfe gaben mir mein Leben zurück“
Im Alter von 19 Jahren wurde Sarah Varley vergewaltigt. Danach entwickelte die heute 28jährige Amerikanerin eine schwere Essstörung. Die Begegnung mit einem Wolfsrudel rettete ihr Leben.
Vor neun Jahren wurde mein Leben in zwei Teile geteilt“, sagt Sarah Varley aus Kalifornien (USA). „Es gab eine Sarah, bevor sie in das Auto ihres Studienkollegen stieg und eine danach“, erinnert sich die heute 28jährige. Als sie das Angebot, sie nach Hause zu bringen, annahm, wusste die damals 19jährige Studentin nicht, was der vermeintliche Gentleman im Schilde führte. Sie konnte nicht wissen, dass der 23jährige auf einem einsamen Parkplatz stoppen und sich an ihr vergehen würde. Sarah Varley wurde von ihm auf brutalste Weise vergewaltigt. Das traumatische Erlebnis löste eine Reihe von zerstörerischen Ereignissen aus, die Varley in eine andere Person verwandelten.

„Vor der Vergewaltigung war ich ein aufgeschlossener, positiver Mensch. Ich kümmerte mich um andere und wollte allen helfen. Aber nach der Vergewaltigung verwandelte ich mich in eine dunkle und selbstzerstörerische Person. Ich wurde depressiv und ängstlich“, berichtet Varley. Zuerst vermied sie es, in Autos zu steigen. „Ich wollte nicht einmal mehr bei meiner Mutter mitfahren.“ Schließlich vermied die Studentin, das Haus zu verlassen.

Bei einem ihrer seltenen Ausgänge kam sie bei jener Polizeistation vorbei, bei der sie die Vergewaltigung anzeigte. „Ich sah wieder die Bilder, wie es passiert war und bekam eine Panikattacke. Mein Herz begann zu rasen, mir wurde so übel, dass ich mich übergeben musste. Ich hatte mich noch nie erbrochen. Es war ein Gefühl, als würde sich mein Innerstes nach außen stülpen.“

Nach diesem Erlebnis entwickelte Sarah Varley eine Angststörung. Sie bekam panische Angst vor Keimen und davor, noch einmal zu erbrechen. „Jedes Mal nach dem Essen war mir übel. Je weniger ich aß, umso weniger Probleme hatte ich mit der Übelkeit.“ Für die damals 21jährige begann ein Teufelskreislauf, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab. „An manchen Tagen aß ich zum Frühstück drei Walnüsse und drei Rosinen, dann den ganzen Tag nichts mehr.“ Das blieb natürlich nicht ohne Folgen. Innerhalb von fünf Monaten verlor Varley fast 20 Kilo und wog bei 1,70 Meter Körpergröße nur noch 45 Kilo.

Zu dieser Zeit besuchte Varley mit ihrem Lebensgefährten Matthew ein Schutzzentrum für Wölfe, das ihre Cousine Linda gemeinsam mit ihrem Mann in New Hampshire eröffnet hatte. „Als ich mit Linda das erste Mal das Gehege betrat und einem Wolf gegenüberstand, war ich ganz ruhig. Ich spürte eine Veränderung. Zuvor erlebte ich immer die Vergangenheit in der Gegenwart und versuchte, alles zu vermeiden, von dem ich glaubte, dass es mir schaden würde. In der Begegnung mit dem Rudel war alles anders. Es gab nun eine echte Bedrohung, auf die sich mein Gehirn konzentrieren musste“, erinnert sich die 28jährige. „Aber ich hatte keine Angst. Es war mehr ein Gefühl der Ungewissheit, weil ich deren Verhalten nicht einordnen konnte. Das sind ja keine Hunde, die zur Begrüßung schwanzwedelnd angelaufen kommen.“

Sarah Varley besprach dieses Erlebnis mit ihrem Therapeuten. Der empfahl ihr, einmal im Monat zu den Wölfen zu fahren und in einem kleinen Heft ihre Gedanken und Empfindungen aufzuschreiben. Die sie dann mit dem Psychologen wieder besprach. „Ich fing an, mich besser zu fühlen“, sagt die 28jährige. „Ich begann, mich aus dieser endlosen Schleife von Angst, Wut und Trauer zu lösen. Die Wölfe gaben mir mein Leben zurück.“ Ihre Rückblenden und Albträume wurden weniger.
Und noch etwas Unerwartetes geschah, das Varleys Angst vor Keimen betraf. „Wölfe begrüßen sich, indem sie sich gegenseitig die Schnauze und die Zähne lecken. Etwa nach einem halben Jahr kamen sie erstmals, um auch mich zu begrüßen. Ich hatte schon so viel Energie aufgewendet, deren Vertrauen zu gewinnen, da konnte ich nicht den Kopf wegdrehen. Obwohl ich wusste, dass sie vorher rohes Fleisch gefressen hatten und mit der Schnauze im Schmutz gewühlt hatten, ließ ich die Wölfe gewähren.“

Als ihr Freund das sah, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. „Meine Sarah, die sich bis zu 20 Mal am Tag die Hände wusch und aus Angst vor verunreinigtem Essen kaum etwas zu sich nahm, ließ sich von einem Wolf über den Mund lecken.“ Im Lauf der Jahre überwand die 28jährige dank der Wölfe das Trauma der Vergewaltigung. Varley begann wieder zu essen und hat heute ihr normales Gewicht. Vor drei Jahren übersiedelte das Paar nach New Hampshire, um ständig mit den Tieren zu arbeiten. „Wenn ein Wolf auf dich zukommt, hast du keine Chance zu denken: ‚Sei vorsichtig, du wirst krank werden‘“, lacht Varley. Die mittlerweile wieder in Kalifornien lebt und mit Matthew ein Tierschutzzentrum aufgebaut hat. „Viele der Tiere, mit denen ich jetzt arbeite, wurden auch missbraucht und aufgegeben“, sagt Varley. „Ich kann verstehen, wie sie fühlen, weil ich ähnliches erlebt habe.“
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