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Ausgabe Nr. 10/2017 vom 07.03.2017, Fotos: Werzer‘s Hotel Resort Pörtschach, privat, Trölß
Hoteldirektorin Heidi Schaller bei der Arbeit
Karolina Haiböck
Herbert Oth
Sanne Wolff-Neumayr
Walter Kreisel
Die Arbeit ist unser Rettungsanker nach der Krebsdiagnose
Mit der Diagnose Krebs zu leben, ist für gesunde Menschen kaum vorstellbar. Um wieder Halt im Leben zu bekommen, nützen Betroffene ihre Arbeit. Der Beruf lenkt sie von der Krankheit ab, sie fühlen sich gebraucht und sind hoffnungsvoller. Auch die kürzlich an Krebs verstorbene Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser meinte, ihre politische Tätigkeit habe ihr Kraft gegeben.
Heidi Schaller, 44, Hoteldirektorin:
„Das Büro war gewissermaßen mein Krankenbett“

„Meine erste Krebsdiagnose bekam ich vor zehn Jahren. Mein Gynäkologe rief an und teilte mir mit, dass ich Gebärmutterhalskrebs habe. Ich dachte, mir zieht es den Boden unten den Füßen weg. Ich war in einem Schockzustand, zumal ich zu diesem Zeitpunkt mit meiner Tochter Sofie in der achten Woche schwanger war. Doch ich glaubte fest daran, dass alles gut wird. Ich wurde operiert, Sofie kam gesund zur Welt und ist heute acht Jahre alt. Auch ich war geheilt. Doch im Jänner 2015 litt ich plötzlich unter starken Bauchkrämpfen. Mein Mann fuhr mich ins Spital. Dort bekam ich die schreckliche Diagnose Lymphknotenkrebs im Bauch- und Rückenbereich, Stadium 3. Ich musste schnellstens operiert werden und danach eine Chemotherapie machen. Der Tod schwebte wie eine dunkle Wolke über mir“, erinnert sich die Chefin vom Werzer‘s Hotel Resort in Pörtschach (K).
„Einen Tag vor der Operation überreichte ich jedem meiner 180 Hotel-Mitarbeiter eine weiße Rose und einen Brief. Darin schrieb ich, dass ich nun stark sein müsse und nichts mehr so sein würde wie früher. Während der Chemotherapie ging es mir schlecht. Ich wollte manchmal sterben. Doch der Krebs sollte mich nicht besiegen. Jeden Tag setzte ich in der Früh meine Perücke auf und ging zur Arbeit. Meine Mitarbeiter waren großartig. Sie unterstützten mich noch mehr als früher, nahmen Rücksicht und haben gelernt, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. Durch meine Krankheit sind wir als Team erst richtig zusammengewachsen. Ich krempelte mein ganzes Leben um, stellte meine Ernährung um, begann Sport zu treiben. Trotzdem habe ich meinen Arbeitsplatz nie verlassen, das Büro war gewissermaßen mein Krankenbett. Neben meiner Arbeit und meinen Mitarbeitern sind natürlich mein Mann und meine beiden Töchter die größte Unterstützung gewesen. Im Herbst 2015 erhielt ich dann die freudige Botschaft. Ich war geheilt, hatte den Krebs nun schon zum zweiten Mal besiegt.
Doch das Glück währte nur kurz. Einen Monat später brach mein geliebter Mann mitten in der Hotelhalle zusammen und verstarb an einer Lungenembolie. Er wurde 45 Jahre alt. Den Schmerz dieses Verlustes kann ich nicht in Worte fassen. Trotzdem muss es weitergehen, ich will stark für meine Kinder sein. Sie stehen an erster Stelle.“

Karolina Haiböck, 67, Psychologische Beraterin
(www.beratung-training.co.at):
„Zwei Monate nach meiner Strahlentherapie ging ich schon wieder arbeiten“
„Ich bin zwar in Pension, gehöre aber zu jenen Menschen, die gerne arbeiten und daher noch immer tätig sind. Als ich vor 16 Jahren erfuhr, dass ich an Brustkrebs leide, war ich geschockt. Damals arbeitete ich noch in der Privatwirtschaft als kaufmännische Angestellte. Nach sechs Monaten entschied ich mich für die Operation. Bereits zehn Tage danach wurde mir gesagt, dass eine weitere Operation notwendig sei. Darauf habe ich verzichtet. Stattdessen unterzog ich mich einer Strahlentherapie. Ich bekam mehr als 30 Einheiten. Doch selbst in dieser Zeit versuchte ich mich durch Arbeit abzulenken. Zwei Monate nach der Strahlentherapie ging ich meiner Arbeit als kaufmännische Angestellte wieder nach. Für mich gehört die Arbeit zum Leben. Sie bereitet mir Freude. Wenn ich im Büro war, verlor meine Müdigkeit plötzlich an Bedeutung und vorhandene Beschwerden waren auf einmal weniger spürbar. Ich nahm mein Leben selbst in die Hand und begann mich basisch zu ernähren. Ich wusste, ich wollte leben. Bis heute arbeite ich gerne. Seit 2012 begleite ich Jugendliche, die es im Leben nicht so leicht haben. Ihnen zu helfen, bereitet mir große Freude.“

Herbert Oth, 67, Gründer der Selbsthilfegruppe „Plattform Hodenkrebs Austria“: „Durch die Arbeit hatte ich gar nicht die Möglichkeit aufzugeben“
„Ich litt an einer starken Erkältung und ging zu meinem Hausarzt. Der untersuchte mich gründlich und entdeckte, dass ich einen vergrößerten Hoden hatte. Als ich mit 33 Jahren die Diagnose Hodenkrebs bekam, war ich natürlich zunächst schockiert. Diese Krebsform wächst zwar schnell, ist aber, wenn sie früh diagnostiziert wird, gut behandelbar. Ich wurde sofort operiert und unterzog mich einer Chemotherapie. Ich habe zu dieser Zeit in einer Bank gearbeitet und dort die Hauptkassa geleitet. Das gab mir viel Kraft. Erfolgserlebnisse sind wichtig im Leben. Außerdem hat die Arbeit meinem Alltag eine Struktur verliehen und ich hatte gar nicht die Möglichkeit, mich aufzugeben. Nach eineinhalb Jahren habe ich den Krebs besiegt. Ich genieße nun jeden Augenblick viel intensiver und lebe bewusster. Ich habe auch die Selbsthilfegruppe ‚Plattform Hodenkrebs Austria‘ (www.hodenkrebs.at) gegründet, um Betroffenen Mut zu machen.“

Sanne Wolff-Neumayr, 59, Eigentümerin von „Dr. Wolff Medicosmetics“: „Wenn ich arbeite, denke ich keine Sekunde an meine Krankheit“
Vor acht Jahren wurde bei mir ein Phylloidtumor diagnostiziert, eine extrem seltene, aggressive Form von Krebs. Die Operation hat mir sehr zugesetzt. Ich bin auf 50 Kilo abgemagert. Aber die Behandlung war erfolgreich. Doch fünf Jahre später kam der Krebs wieder, ich hatte Metastasen auf meinem Kreuzbein. Nach dieser Diagnose war ich am Boden zerstört. Doch meinen drei Kindern zuliebe habe ich weitergekämpft, denn ihr Vater ist schon verstorben. Ich bin auch immer berufstätig geblieben. Erst vor Kurzem veranstaltete ich eine Schulung, bei der ich meine Produkte präsentierte. Mir gehört das Unternehmen ‚Dr. Wolff Medicosmetics‘ (www.medicosmetics.com), für das ich medizinische Kosmetik vertreibe, die Hautkrebs vorbeugt und mit hochwertigen Vitaminen das Gesicht pflegt. Wenn ich arbeite, denke ich keine Sekunde an meine Krankheit. Ich blühe dabei auf. Früher konnte ich es nicht leiden, vor Publikum zu sprechen. Doch heute denke ich mir, ich habe Krebs, was stört es mich, wenn ich nicht ganz aufrecht stehe oder mich verspreche. Meine Mitarbeiter sind mir ebenfalls eine große Stütze. Wenn ich in Behandlung bin, vertreten sie mich. Dass wir alle an einem Strang ziehen, gibt mir Kraft. Ich kann mich auch glücklich schätzen, dass ich einen wundervollen Lebenspartner habe, der zu mir steht, und dass meine Chemotherapie gut anschlägt. Da ich privatversichert bin, bekomme ich eine privilegierte medizinische Versorgung. Dass andere Betroffene lange auf Magnetresonanz- und Computertomographie-Termine warten müssen, macht mich wütend.“

Walter Kreisel, 59, Vizebürgermeister von St. Oswald bei Freistadt (OÖ): „Meine Arbeit hat zu meiner Genesung beigetragen“
„Ich habe im Jahr 1991 die Diagnose Lymphkrebs bekommen. Ich fühlte mich wie vom Schlag getroffen. Ich wollte die Krankheit gar nicht aussprechen, dachte ich doch, das sei nun mein Todesurteil. Trotzdem begab ich mich sofort in Behandlung, auch meiner Familie zuliebe. In einer Wiener Privatklinik bekam ich zwölf Chemotherapien und bei den Barmherzigen Schwestern in Linz (OÖ) 21 Bestrahlungen. Am Anfang bin ich ganz schlecht beisammen gewesen, habe so viel Kortison bekommen und konnte über längere Zeit hinweg nicht arbeiten. Damals war ich so geschwächt, dass ich sogar umgefallen bin, wenn mich mein Schäferhund ‚Rex‘ angestupst hat. Aber sobald ich wieder halbwegs auf den Beinen war, bin ich sofort für meinen Betrieb zur Verfügung gestanden. Ich führe gemeinsam mit meinem Bruder ein Elektrogeschäft. Neben meinen Aufgaben als Geschäftsführer habe ich mich auch im Verkauf und in der Werkstätte engagiert. Diese Tätigkeit hat mir geholfen und mich von meiner Erkrankung abgelenkt. Dass ich weiter meiner Arbeit, die auch mein Hobby war, nachgehen konnte, hat sicher zu meiner Genesung beigetragen und natürlich meine Familie, die immer hinter mir gestanden ist. Sie hat mich gebraucht und ich fühlte mich als Teil einer großen Gemeinschaft. Das alles gab mir so viel Kraft, dass ich mich beruflich neu erfinden konnte. Ich habe mich politisch engagiert und bin nun seit dem Jahr 2015 Vizebürgermeister von St. Oswald bei Freistadt (OÖ).“

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