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Ausgabe Nr. 10/2017 vom 07.03.2017, Fotos: Imago, Peter Just, Hajeks/zvg
Wenn der Stress den Alltag zur Hölle macht.
Aus Rohstoffen, die nicht mehr gekauft und weggeworfen würden, zaubern Elke und Bernhard Oberhauser Sugos und Suppen.
Oft sind die Hajeks mit den Rädern unterwegs, wie vor zwei Jahren in Nepal.
Raus aus dem Hamsterrad
Viele von uns definieren sich über den Beruf, schließlich nimmt die Arbeit einen Gutteil unseres Lebens ein. Doch in Zeiten, in denen wir immer mehr und länger arbeiten sollen, stoßen alternative Lebenskonzepte zusehends auf Interesse. Hier erzählen Menschen, wie sie ihrer Tretmühle entkamen.
Frühmorgens in die Arbeit, spätabends nach Hause. Dazwischen bis zu 14 Stunden auf den Beinen sein. Sechs Tage pro Woche. Im Tourismus und in der Gastronomie ist das keine Seltenheit. Das war auch Herbert Wagners Leben. Der gelernte Koch/Kellner arbeitete 19 Jahre lang in einem großen Hotel in einem Tiroler Fremdenverkehrsort. „Auf Höchststundengrenzen oder Pausen achtete bei uns keiner, wenn das Haus voll war. ‚Ausruhen kannst du, wenn du alt bist‘, pflegte mein Chef zu sagen.“

Stress, wenig Schlaf, ein hohes Maß an Fremdbestimmtheit sowie das eine oder andere Glas Alkohol, das sich Wagner nach Feierabend regelmäßig genehmigte, taten ihr Übriges, um den 42jährigen krank zu machen. „Ich hatte das Gefühl, in einem Hamsterrad zu stecken. Aber ich nahm mir nicht die Zeit, darüber nachzudenken.“

Eines Tages kam er nicht mehr aus dem Bett. „Mein Körper wollte nicht. Ich gab meinen Muskeln den Befehl aufzustehen, aber sie gehorchten mir nicht.“ Der Arzt stellte die Diagnose Burn-out, Erschöpfungssyndrom. Wagner musste für ein paar Wochen ins Spital. Langsam erholt er sich wieder.

Mediziner schätzen, dass 200.000 bis 250.000 Menschen in unserem Land von einem Burn-out betroffen sind. Gefährdet, dorthin zu kommen, sind allerdings weit mehr. Nach einer aktuellen Studie, die an 1.000 Berufstätigen im Alter von 18 bis 65 Jahren durchgeführt wurde, hat beinahe jeder Vierte bei uns das Gefühl, am Ende seiner Kräfte zu sein und auf ein Burn-out zuzusteuern. Knapp vier von zehn fühlen sich durch den Stress im Beruf zumindest erheblich beeinträchtigt.

Dass Stress krank macht, liegt auf der Hand. Rückenschmerzen und Nackenprobleme, Migräne, Tinnitus wie auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Magenschmerzen nehmen oft ihren Ursprung in unbewältigtem Stress. Ebenso psychische Leiden, an denen hierzulande rund eine Million Menschen erkrankt sind. Der jährliche Aufwand für Antidepressiva liegt bei fast 100 Millionen Euro pro Jahr. Experten raten dazu, achtsam zu sein. In erster Linie sind es dauerhafte Belastungs- und Stresssituationen, die ein Erschöpfungssyndrom verursachen. Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen können erste Anzeichen sein und wer bemerkt, immer öfter nicht mehr „Herr der Lage“ zu sein, sollte sich schleunigst Gedanken machen. Herbert Wagner würde, wie er sagt, heute früher reagieren und die Reißleine ziehen.

Dem Leben mehr Sinn geben

Vielleicht wie Bernhard Oberhauser aus Klagenfurt, der gemeinsam mit seiner Frau vor zwei Jahren das alte Leben hinter sich ließ. „Ich war Koch in verschiedenen Haubenlokalen und habe oft 14 Stunden täglich gearbeitet. Immer auf dem harten Fliesenboden stehen zu müssen, die Hitze, und ständig stehst du unter Strom, weil die Bestellungen abzuarbeiten sind. Das kannst du nicht ewig aushalten“, sagt der 50jährige, der zunehmend unzufriedener wurde.

Seiner Frau Elke, 48, erging es ähnlich. Auch sie arbeitete in der Branche. Lebensmittel anzuliefern und für Feste oder Empfänge zuzubereiten, war ihr täglich Brot. „Vor allem das Schleppen von riesigen Gemüsekisten bereitete mir zusehends Rückenprobleme. Und beim Servieren immer schön freundlich zu sein, wenn dir die Gäste Unverschämtheiten an den Kopf werfen, grenzte ebenso mitunter an Schwerstarbeit.“

Irgendwann wurde es beiden zu viel. Zusammen überlegten sie, was sie ändern konnten und kamen überein, dass ein reiner Arbeitsplatzwechsel für sie nicht in Frage kam, erklärt Elke Oberhauser. „Meine Eltern führten ein Haubenlokal. Ich bin mit dem Motto ,Das Beste ist gerade gut genug‘ aufgewachsen, bekam aber auch mit, wie verschwenderisch in den Küchen mit Lebensmitteln umgegangen wird.“ Konventionelle Gastronomie war für beide daher keine Option. „Wir wollten etwas machen, das für uns mehr Sinn ergab.“

Vor zwei Jahren keimte in den Köpfen des Ehepaares eine Idee. Sie kündigten ihre gut bezahlten Arbeitsverhältnisse und gründeten den Verein „Best of the Rest“ („Das Beste vom Rest“). An Schulen halten die Oberhausers nun Vorträge über Nachhaltigkeit und machen Buffets für Firmen und Veranstaltungen. „Und das aus Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden. Wir bekommen Obst und Gemüse von Supermärkten und Gärtnereien und machen daraus Pestos, Sugos oder Suppen“, sagt Bernhard Oberhauser. Fixe Preise gibt es nicht, die Menschen bezahlen so viel, wie das Essen ihnen wert ist.

Heute lebt das Paar mit seinen drei Kindern zwar bescheidener als früher in einer Wohnung, zu der ein kleiner Garten mit Bienen und Hühnern gehört. Dafür umso entspannter. „Unsere Arbeit ist abwechslungsreicher geworden und macht mehr Spaß. Pläne haben wir noch genügend. Wir träumen von einem Selbstversorger-Bauernhof“, sagt das Paar, das noch auf der Suche nach Handelspartnern ist (Tel.: 0664/4907298).

Den Alltag zurücklassen

Ihre Träume in die Tat umzusetzen, das ist Gabi und Christian Hajek, beide 56, bereits gelungen. Das Hamsterrad drehte sich für das Paar aus dem Allgäu (D) freilich langsamer, denn unzufrieden waren die studierte Sozialpädagogin und der Maschinenbauer mit ihren Anstellungen nicht. Trotzdem wollten sie „aussteigen“, denn vor Jahren hatten sie sprichwörtlich „Blut geleckt“. Das war im Jahr 1990. Ein Arbeitswechsel von Christian Hajek ermöglichte es, eine längere Reise zu planen und seine Frau kündigte ihre Dienststelle, um mitzukommen. Damals unternahmen die Hajeks ihre erste lange Reise mit Rad und Zelt, um Neuseeland zu erkunden. „Dabei hatten wir ein Schlüsselerlebnis. Uns faszinierte, mit wie wenig wir auskamen“, sagt Gabi Hajek. „Dabei formierte sich auch der Gedanke, irgendwann mehr Zeit für das Reisen zu haben.“

In den folgenden 14 Jahren ihres Berufslebens unternahmen die beiden viele Reisen. Nach Costa Rica, Australien, Kuba, Spanien und nach Südafrika. „Immer wieder trafen wir Menschen, die seit Jahren die Welt bereisten. Bei uns dagegen waren nie mehr als vier Wochen möglich und nach jeder Rückkehr hatte uns der Berufsalltag viel zu schnell wieder eingeholt“, meint Christian Hajek. Auf Dauer war das unbefriedigend. Also fing das Paar an zu sparen und zu planen, um schließlich, mit Anfang 40, nach reiflicher Überlegung, die sicheren Stellen an den Nagel zu hängen.

Heute führen die beiden das ersehnte Leben als „Aussteiger“ oder besser gesagt als „Teilzeit-Aussteiger“, denn drei bis acht Monate im Jahr sind sie in fernen Gefilden wie Asien, Südamerika, den USA, Kanada,
Australien und Neuseeland unterwegs. Den Rest des Jahres verbringen die beiden im Allgäu und arbeiten als Schilehrer, Wander- und Naturführer, durchschnittlich 60 Tage im Jahr.

Auswandern war für die Hajeks nie ein Thema. Freunde, Familie, die verschiedenen Arbeiten, Annehmlichkeiten der Wohnung und das heimische Krankensystem halten sie davon ab. „Wir sind nicht unterwegs, weil wir es nicht mehr zuhause aushalten. Im Gegenteil: Wir kommen immer gerne wieder zurück.“ Denn wer die Welt sieht, weiß auch die Heimat zu schätzen. „Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten gibt es bei uns freie Wahlen, unabhängige Informationen, ein hohes Maß an Sicherheit, eine funktionierende Grundversorgung mit Wasser, Strom, Lebensmitteln und Medizin und vieles mehr. Dinge, die selbstverständlich erscheinen, die es aber anders-
wo nicht sind“, weiß Gabi Hajek.

Für Menschen, die sich ebenfalls für ein alternatives Lebenskonzept interessieren, haben die Hajeks die Internetseite www.ratgeber-aussteigen.de ins Leben gerufen. Dort geben die beiden nicht nur Einblicke in ihre Reiseerlebnisse, sondern auch Tipps zur Planung und Finanzierung eines Ausstieges (inklusive eigenem Rechenprogramm). Einen Lotto-Gewinn oder eine Erbschaft brauche es nicht, um die gewohnten Arbeitswege zu verlassen. „Hatten wir auch nicht. Es gab auch keine Abfindung bei unserer Kündigung und Arbeitslosengeld hätten wir nie beantragt. Aber weil wir wussten, dass wir nicht bis zur Pension arbeiten wollten, haben wir früh zu sparen begonnen“, sagt Christan Hajek. Denn das Geheimnis sei, wenig auszugeben und mit wenig zufrieden zu sein. Schließlich müsse, wer halb so viel ausgibt, auch nur halb so viel verdienen.

Das Paar verbraucht etwa 15.000 Euro im Jahr. „Wir führen seit Jahren Buch über unsere Finanzen. Unabhängig davon, ob wir zuhause sind oder im Ausland, kommen wir monatlich zu zweit mit 1.200 Euro gut zurecht. Davon sind etwa € 500 für Einkäufe wie Lebensmittel, Kleidung sowie Freizeit, etwa € 350 fürs Wohnen, ungefähr € 150 für die Krankenversicherung und zirka € 200 fürs Auto“, weiß der Maschinenbauer, der einschränkt, dass Flüge, größere Anschaffungen oder Reparaturen extra kosten. Dennoch kommen sie zurecht. „Wir gehen sorgfältig mit dem Geld um. Gekauft wird nur, was wir wirklich brauchen. Auf Markenartikel verzichten wir bewusst und bei Einkäufen nutzen wir Angebote. Wir kochen fast ausschließlich selbst und schlafen auf Reisen meist im Zelt oder im ausgebauten Kastenwagen; und das oft an den schönsten und einsamsten Plätzen der Erde. Das bedeutet für uns keine Einbuße an Lebensqualität, im Gegenteil.“ Manchen ist das zu wenig. Aber niemand bekommt alles. „Wenn du dich für etwas entscheidest, entscheidest du dich gleichzeitig gegen etwas.“
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