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Ausgabe Nr. 10/2017 vom 07.03.2017, Fotos: picturedesk.com, OpenDoors
Protest in Pakistan nach einem Angriff auf Christen.
In Mossul (Irak) markierten IS-Schergen die Häuser von Christen mit einem arabischen „N“ für Nazarener.
Eine zerstörte Kirche im Irak.
Markus Rode, „Open Doors“. Für die Hilfsorganisation steht fest: „Derzeit herrscht die größte Christenverfolgung aller Zeiten.“
200 Millionen Christen werden verfolgt
Christen sind die am stärksten verfolgte Religionsgruppe. Weltweit leiden 200 Millionen unter Terror, Unterdrückung oder Vertreibung. Vor allem radikale Islamisten machen ihnen das Leben schwer. Selbst auf der Flucht oder in der neuen Heimat finden sie oft keine Ruhe.
Die Gefahr hat sie nicht zusammengeschweißt. Im April 2015 legten mehr als hundert Flüchtlinge von der libyschen Küste ab. Zusammengepfercht in ein elf Meter langes Schlauchboot. Bald eskalierte die Situation, als sie ein Loch im Boot entdeckten.

Neun Christen aus Nigeria und Ghana überlebten nicht. Sie wurden im Streit von einer Gruppe muslimischer Afrikaner ins Wasser gestoßen. „Sie waren wie verrückt. Sie verlangten, dass wir alle Allah um Hilfe bitten sollten“, berichtete ein Überlebender nach der Rettung. „Wer sich weigerte, wurde ins Wasser geworfen.“

Jetzt hat das Schwurgericht in Palermo (Italien) sechs der Beschuldigten wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt. Das Motiv des „religiösen Hasses“ hat der Richter allerdings nicht gelten lassen.

Doch sogar Tausende Kilometer von der alten Heimat entfernt, sind Christen religiösen Attacken ausgesetzt. Das zeigt eine Untersuchung des Hilfswerkes „Open Doors“ in Deutschland. 743 religiös motivierte Übergriffe auf christliche Flüchtlinge wurden dabei gezählt.

Vor allem Christen aus dem Iran, Syrien, Afghanistan und dem Irak erzählten von Todesdrohungen, sexuellen Übergriffen und Beleidigungen in Asylheimen. „Im Heim entdeckten die Muslime durch mein Bibellesen, dass ich Christ bin. Ich erhielt Morddrohungen. Sie wollten, dass ich zum Islam zurückkehre“, berichtete ein Iraker.

Eine Iranerin meinte: „Am Anfang waren sie noch alle gut zu uns. Dann aber bemerkten sie, dass ich eine Christin bin. Seitdem gehen sie sehr schlecht mit mir und meinen Kindern um. Sie verbieten sogar ihren Kindern, mit meinen Kindern zu sprechen.“

Für Markus Rode, den Vorsitzenden von „Open Doors“ in Deutschland ist das die „Spitze des Eisberges. Wir gehen von einer enormen Dunkelziffer aus.“ Allerdings will er Muslime nicht unter „Generalverdacht“ stellen. „Wer hier eine pauschale Verurteilung von Muslimen hineinlesen möchte, handelt politisch und gesellschaftlich unverantwortlich.“

Aus unserem Land sind nur Einzelfälle bekannt. So etwa von einem Syrer, der im Vorjahr erzählte, wie er in seiner Unterkunft unter anderem mit vier Sympathisanten des Islamischen Staates (IS) zusammenwohnen musste. „So etwas war uns Christen nicht einmal zu Hause passiert: jetzt in der Fremde mit solchen Radikalen unter einem Dach zu leben.“ Die Schikanen machten ihm Angst. „Stundenlang mussten wir Christen uns laut Passagen aus dem Koran anhören. Das war die reinste Gehirnwäsche.“ Vier solcher Berichte hat die Organisation CSI Österreich gesammelt, die sich für verfolgte Christen einsetzt. Nicht um Ängste zu schüren, aber die Helfer wollen „auch nicht wegschauen“.

Weltweit werden mehr als 200 Millionen Christen aufgrund ihrer Religion verfolgt. Das zeigt der Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerkes „Open Doors“. In 50 Ländern leiden christliche Minderheiten unter Terror, Vertreibung oder Unterdrückung.
Seit Jahren steht dabei Nordkorea an der unrühmlichen ersten Stelle. Im Land von Diktator Kim Jong-un drohen den 300.000 Christen Hinrichtung oder Straflager, wenn sie ihren Glauben öffentlich zeigen.

Doch in der Mehrzahl der Verfolger-Länder ist „islamische Unterdrückung die maßgebliche Ursache für die herrschende Christenverfolgung“, heißt es bei „Open Doors“. „Besonders betroffen sind Christen muslimischer Herkunft, deren Zahl weltweit wächst.“ In Pakistan, dem zweitgrößten muslimischen Land der Welt, ist es etwa nicht „möglich, einen Wechsel zum christlichen Glauben behördlich eintragen zu lassen“.

Seit dem „Arabischen Frühling“ sind islamistische Gruppen im Nahen Osten im Aufwind. Christen werden immer wieder zum Ziel ihrer Angriffe. Etwa in der nordirakischen Stadt Mossul. Dort kennzeichneten die Schergen der Terrormiliz IS im Jahr 2014 die Häuser der Christen mit einem „N“ für Nazarener, so bezeichnen arabische Muslime Christen. Ihnen blieben vier Wahlmöglichkeiten. Flucht, Übertritt zum Islam, Zahlung einer Schutzsteuer oder der Tod. Die noch in der Stadt lebenden Christen flüchteten. Vor ein paar Jahren lebten im Irak noch rund 1,5 Millionen Christen, jetzt sind es nach Schätzungen 200.000 bis 300.000.

In Syrien bekannte sich vor dem Bürgerkrieg jeder Zehnte zum Christentum. Heute lebt nur noch die Hälfte der einst 2,2 Millionen Christen im Land. Sie sind zum Großteil verarmt und als Vertriebene im eigenen Land auf der Flucht.

Für die Hilfsorganisation „Open Doors“ steht fest: „Derzeit herrscht die größte Christenverfolgung aller Zeiten.“


Rangliste der Länder mit stärkster Christenverfolgung

1. Nordkorea
2. Somalia
3. Afghanistan
4. Pakistan
5. Sudan
6. Syrien
7. Irak
8. Iran
9. Jemen
10. Eritrea
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