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Ausgabe Nr. 09/2017 vom 28.02.2017, Fotos: Africa Studio/Fotolia, Wilke, zvg, Morri
Bedenklich. Immer mehr Eltern geben ihren Kindern Medikamente, damit sie abends zur Ruhe kommen.
Prim. Univ.-Lektor DDr. Peter Voitl: „Eltern sollten rechtzeitig um Hilfe bitten, aber dem Kind auf keinen Fall Schlafmittel geben.“
Anna Glatzer, 35, Angestellte: „Ich musste ihr Schlafmittel geben, um selbst wieder schlafen zu können"
„Meine Tochter ist jetzt eineinhalb Jahre alt und hat bisher nie durchgeschlafen. Sie wachte unentwegt auf, schrie und weinte. Alle zwei Stunden musste ich oder mein Mann aufstehen, um das Kind zu beruhigen. In meiner Karenzzeit war das weniger problematisch, weil ich untertags zuhause war. Als ich wieder zu arbeiten begonnen habe, war dieser Zustand unerträglich. Ständig war ich in der Früh wie gerädert, schlief im Büro fast ein. Mein Chef drohte sogar, mich zu kündigen. Ich war verzweifelt. Im Internet habe ich dann von einem Schlafsaft für Kleinkinder gelesen. Mein Kinderarzt hat mir davon zwar abgeraten, aber ich habe mir in der Apotheke trotzdem den rezeptfreien Schlafsaft ‚Sedaplus‘ geholt. Klar habe ich ein schlechtes Gewissen und bin auch verunsichert, ob meine Tochter dadurch einen Schaden erleidet. Aber seit ich meiner Kleinen das Schlafmittel verabreiche, schläft sie durch und mein Mann und ich sind in der Früh ausgeruht und fit für einen anstrengenden Arbeitstag. Es klingt vielleicht egoistisch: Aber mein Schlaf ist mir heilig und außerdem möchte ich meine Arbeitsstelle nicht verlieren. Wir brauchen das Geld schließlich für unseren Hausbau.“
Simone Schadl, 32, in Karenz: „Ich finde es verantwortungslos, einem Kind Schlafmittel zu geben“
„Ich finde es furchtbar, seinem Kind Medizin zu geben, damit es schneller einschläft. Natürlich sind kleine Kinder anstrengend und Babys weinen manchmal die ganze Nacht. Das ist bei uns nicht anders und bald kommt das zweite Kind. Aber das rechtfertigt nicht, einem
Kind Medikamente zu geben, schon gar nicht, ohne einen Arzt zu fragen. Wer weiß, was Eltern damit langfristig anrichten. Wenn es wirklich schlimm wird, muss ich als Mutter um Hilfe bitten. Ich finde sowieso, dass wir viel zu schnell zu Medikamenten greifen.“
Schlaf Kindlein, schlaf
Laut einer neuen Studie greifen immer mehr Eltern zu Medikamenten, um ihre Kinder ruhig zu stellen. Viele der Arzneien sind rezeptfrei erhältlich. Mediziner warnen nun vor den gefährlichen Nebenwirkungen. Organschäden und Abhängigkeiten können auftreten, im schlimmsten Fall kann es sogar zum Atemstillstand kommen.
Irgendwann hatte ich einfach keine Kraft mehr, ich war nervlich am Ende und wollte nur noch schlafen“, erinnert sich die 35jährige Angestellte Anna Glatzer (Name von der Redaktion geändert) aus Klagenfurt (K). Ihre Tochter ist eineinhalb Jahre alt und hat bis vor Kurzem keine Nacht durchgeschlafen, „manchmal wachte sie alle zwei Stunden auf.“

Das wurde für die Angestellte nach der Rückkehr aus der Karenz zum Problem. Der Schlafmangel machte ihr im Büro zu schaffen. Die Lösung fand sie im Internet und hieß „Schlafsaft“, erinnert sich Glatzer. Gemeint war das Schlafmittel „Sedaplus“. Gegen den Rat des Kinderarztes ließ sie das Medikament in der Apotheke aus Deutschland bestellen. Ein Rezept brauchte sie dafür nicht, weil das Medikament dort nur apothekenpflichtig ist. „Das richtet sich nach den Bestimmungen des Landes, in dem das Medikament zugelassen ist“, informiert ein Sprecher der Apothekerkammer.

Seitdem sie ihrer Tochter die „Medizin“ gebe, seien die Nächte „ruhig“, freut sich die Mutter, die wie viele andere auch ihr vermeintliches Heil in Hilfsmitteln sucht, um ihre Tochter abends ruhigzustellen. Das zeigt eine neue Studie aus Deutschland. Demnach sind in den vergangenen Jahren zunehmend Schlaf- und Beruhigungsmittel für Kinder verkauft worden. Allein im Jahr 2015 hätten Ärzte laut einer Auswertung des gemeinnützigen Deutschen Arzneiprüfungsinstituts rund 18.700 Beruhigungs- und Schlafmittel für Kinder bis drei Jahre verschrieben. Nicht eingerechnet sind rezeptfreie Kinder-Schlafmittel, die laut Marktforschungsunternehmen „IMS Health“ doppelt so häufig verkauft werden.

Nun warnt auch das deutsche Gesundheitsministerium vor dem leichtfertigen Umgang mit solchen Medikamenten, die großteils ohne Rezept erhältlich sind. Weil sie Organschäden nach sich ziehen und Abhängigkeiten hervorrufen könnten, heißt es. Sogar vor einem plötzlichen Atemstillstand wird gewarnt.

Besonders nachgefragt sind Arzneien wie Sedaplus, die den Wirkstoff Doxylamin enthalten. Der süßlich schmeckende Saft ist für Kinder ab sechs Monaten zugelassen. „Allerdings beeinflusst die Substanz den natürlichen Wach-Schlaf-Rhythmus dermaßen, dass das Gehirn nicht mehr richtig entspannen und lernen kann“, warnt die Kinderärztin Andrea Bevot vor den Nebenwirkungen. Es kann zu Krampfanfällen kommen, Leberfunktions- und Herzrhythmusstörungen können auftreten. Derselbe Wirkstoff ist beispielsweise im „Wick Erkältungssaft für die Nacht“ enthalten. Auch beliebt unter Eltern sind die Zäpfchen „Vomex A“, „die eigentlich gegen Übelkeit helfen, aber auch müde machen. Das Problem dabei ist, dass diese Mittel leicht überdosiert verabreicht werden, schon zwei können zu viel sein“, erklärt Bevot. Die Folge sind „hyperkinetische Bewegungsstörungen“. „Die Patienten landen in der Notfall-Ambulanz, weil sie plötzlich Bewegungen machen, die erschreckend aussehen“, warnt die Kinderärztin, der es am liebsten wäre, „wenn derartige Medikamente vom Markt genommen werden“.
Doch der Handel mit den Schlafmitteln floriert. Im Internet finden sich rege Diskussionen, welches Mittel am besten wirke und wie lange. Manche Mütter raten sogar dazu, Beruhigungszäpfchen für längere Flugreisen parat zu halten.

Bei Medizinern löst dieses Verhalten Kopfschütteln aus. Schlafmittel für Kinder, „das grenzt fast an Kindesmisshandlung“, meint der Primar Karl Zwiauer, Vorstand der Kinderabteilung im Landesklinikum St. Pölten (NÖ). Dass Babys in der Nacht aufwachen und schreien, ist vollkommen normal. „Es hat vor allem in den ersten Monaten nur diese Ausdrucksmittel zur Verfügung“, weiß der Wiener Kinderarzt Dr. Peter Voitl. „Ein schreiendes Baby erzeugt in uns Erwachsenen jedoch einen enormen Stress, der schwer zu ertragen ist.“ Der Wunsch, das Kind deshalb mit irgendwelchen „Mittelchen“ ruhigzustellen, ist verständlich. „Früher haben Eltern zu Alkohol gegriffen, heute sind es eben pharmakologische Schlafmittel“, sagt Voitl, der von der Gabe solcher Mitteln abrät. Wie oft ein Baby in der Nacht wach werden oder ab wann es durchschlafen sollte, lasse sich nicht pauschal sagen, weiß der Experte. „In der Regel entspannt sich die Situation, wenn das Kind etwa ein Jahr alt ist. Gewöhnlich schläft es dann durch.“ Wissen sich Eltern nicht mehr zu helfen, sollten sie, statt Medizin zu verabreichen, Hilfe in Anspruch nehmen, rät Dr. Voitl. Landesweit gibt es Schlaf-Beratungsstellen und Ambulanzen. Im Wiener Wilhelminenspital werden jährlich Hunderte Säuglinge behandelt. Bei Problemen sollten Eltern nicht zögern anzurufen (Tel.: 01/491 50 2912), denn die Wartezeit beträgt derzeit bis zu drei Monate.
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