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Ausgabe Nr. 09/2017 vom 28.02.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta
Weil Erin Roberts‘ Bruder starb, kann sie eine glückliche Ehe führen.
Der 17jährige Connor nach der Transplantation.
Kellen Roberts wurde bei einem Überfall getötet. Sein Herz schlägt im Mann seiner Schwester weiter.
„Das Herz meines Bruders rettete meinem Mann das Leben“
Glück und Leid liegen manchmal nah beieinander. Nachdem ihr Bruder vor zwölf Jahren durch die Hand eines Verbrechers starb, brach für Erin Roberts eine Welt zusammen. Erst als Connor Rabinowitz in ihr Leben trat, konnte sie den Schmerz überwinden. Sie lernte den Mann, in dem das Herz ihres Bruders schlägt, nicht nur kennen, sondern auch lieben.
Hörst du es?“, fragt Connor Rabinowitz seine Frau. Entspannt sitzt das Paar, das seit drei Jahren verheiratet ist, vor dem Fernseher. Erin Roberts drückt ihr Ohr an seine Brust und lauscht. „Ja, sein Herz“, flüstert die 37jährige und blickt dabei ihrem Mann verständnisvoll in die Augen. „Er ist immer bei uns. Er beschützt unsere Liebe.“ Was Roberts hört, ist das Herz ihres Bruders Kellen, das in der Brust ihres Mannes schlägt und dem er sein Leben verdankt.

„Selbst Jahre nach der Transplantation schmerzt es mich immer noch, dass Kellen sterben musste, damit ich leben kann“, sagt der 29jährige. „Erin liebte ihren Bruder über alles. Sein Herz war so gut und groß, dass er sogar noch im Tod Erin und mich zusammenbrachte.“ Die beiden waren nicht nur Geschwister. „Wir waren auch beste Freunde und Vertraute, mieteten ein paar Jahre lang gemeinsam eine Wohnung in Seattle (US-Staat Washington). Wir gehörten zusammen wie Erdnussbutter und Marmelade“, lacht sie.

Am 9. März 2005 erhielt sie einen Anruf von einer Klinik im 2.200 Kilometer entfernten South Dakota. Der damals 22jährige Kellen Roberts war im Urlaub von einem Straßenräuber zusammengeschlagen worden und hatte sich beim Sturz auf die Straße den Schädel gebrochen. „Als ich mit meiner Mutter das Krankenzimmer betrat, lag Kellen bereits im Sterben“, erzählt Erin Roberts. „Ein Arzt fragte uns: ‚Wissen Sie, dass er freiwilliger Organ-Spender ist? Wir haben seine Identitätskarte gefunden. Wären Sie einverstanden?‘“ In ihrem Schmerz lehnten die beiden Frauen zunächst ab. Doch der Mediziner behielt die Ruhe. „Er könnte das Leben mehrerer Todkranker retten“, argumentierte er. „Verabschieden Sie sich in Ruhe von ihm.“

Weinend verließen beide den Raum. Als sie sich gefasst hatten, erklärten sie sich mit der Organentnahme einverstanden. Wieder zuhause, wurde die Schwester vom Schmerz über den Verlust Kellens übermannt. „Ich verkroch mich vier Monate lang in meiner Wohnung und verließ sie nur, um zur Arbeit zu gehen.“

Gut 2.700 Kilometer entfernt kämpfte zur selben Zeit der Schüler Connor Rabinowitz verzweifelt um sein Leben. Zwei Jahre zuvor hatte er plötzlich hohes Fieber bekommen. Sein Zustand wurde so schlimm, dass ihn seine Mutter ins Spital von Minneapolis (US-Staat Minnesota), ihrer Heimatstadt, fuhr.

Der Jugendliche litt an einer krankhaften Erweiterung des Herzmuskels. Der 17jährige kam auf eine Warteliste für ein Spenderherz. „Das zu wissen, war nicht sehr erbaulich. Ich wusste, dass die meisten Patienten auf der Warteliste sterben, bevor ein Spender gefunden ist.“ Nach drei Monaten gab das mechanische Herz auf, die Medikamente verloren ihre Wirkung. Es schien keine Rettung mehr für ihn zu geben.

Ein paar Tage später stürmte Connor Rabinowitz‘ Mutter Kimber ins Krankenzimmer. „Das Herz ist da“, rief sie überglücklich. Die anschließende Transplantation war ein voller Erfolg. Der Amerikaner erholte sich schnell und schrieb einen Dankesbrief. Er bat die Organ-Bank, das Schreiben an die Spender-Familie weiterzuleiten. Kellens Mutter Nancy Roberts war derart gerührt über die Worte des Herzempfängers, dass sie sogleich antwortete. „Als wir Connors Brief lasen, schien sich die Leere in uns ein wenig zu füllen. Es war, als hätte Kellen uns geschrieben“, erinnert sich Erin Roberts. Nach einem intensiven Briefwechsel wollte ihre Mutter den jungen Mann einladen, aber Erin hatte zunächst Bedenken. „Wie würde ich mich fühlen, wenn das Herz meines Bruders an jemanden gegangen wäre, den ich nicht mochte, der es nicht verdiente? Wir hatten keine Ahnung, was das für ein Mensch war“, äußerte sie Zweifel.

Die ihre Mutter nicht teilte. Als Nancy Roberts dem jungen Mann im August 2006 die Tür öffnete, sah er hinter ihr „ein wunderschönes Mädchen mit strahlenden Augen“ stehen, erinnert er sich. „Unsere Blicke trafen sich und ich schmolz regelrecht dahin.“ Auch Erin Roberts fühlte sofort eine Verbindung, aber sie unterdrückte alle weiteren Gedanken. „Weil ich ihn für viel zu jung hielt. Ich war 26 Jahre alt, er war 18. Außerdem hatte ich einen festen Freund.“

An jenem Wochenende besuchten sie die Sehenswürdigkeiten Seattles, stellten insgeheim fest, dass sie einander mochten und versprachen, regelmäßig zu schreiben. Connor Rabinowitz flog zurück nach Minneapolis, wo auch er eine Freundin hatte. Nach einem Jahr schlief die Brieffreundschaft ein.

Vier Jahre nach ihrem ersten Treffen fand er durch Zufall Erin Roberts auf dem sozialen Netzwerk Facebook. Drei Tage später saß er im Flugzeug nach Seattle. Diesmal gestand Erin Roberts ihm, dass sie sich bei ihrem ersten Treffen in ihn verliebt hatte. Auch er fühlte ähnlich. „Als ich dich sah, war es, als hätte ich dich mein ganzes Leben lang gekannt“, sagte Connor Rabinowitz und küsste sie. Die beiden wurden ein Paar.

Trotz anfänglicher Sympathie fiel es Erins Mutter schwer, den Mann mit dem Herzen ihres Sohnes als Schwiegersohn anzunehmen. „Ich fürchtete, Erin habe den Verlust ihres Bruders noch nicht verarbeitet und versuchte, auf diese Weise an Kellen festzuhalten.“ Doch als sie sah, wie glücklich die beiden miteinander waren, ließ sie sich überzeugen, dass Connor Rabinowitz der Richtige für ihre Tochter war. Im Jahr 2014 bat er um Erins Hand und sechs Monate später heirateten sie in Minneapolis. Am Hochzeitstag öffnete der Bräutigam ein Kästchen und zog zwei herzförmige Anhänger heraus, auf denen der Name „Kellen“ eingraviert war. Sie tragen die Herzen nun über ihrer Brust.
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