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Ausgabe Nr. 09/2017 vom 28.02.2017, Fotos: Holzer, Morlock
Gerlinde Herrnegger, 56, Astrologin und
Energetikerin: „Meine Wechseljahre haben mich befreit“

„Von rein körperlichen Beschwerden, die andere Frauen in diesem Alter oft belasten, blieb ich größtenteils verschont. Auf emotionaler Ebene bereiteten mir meine Wechseljahre dafür umso mehr Probleme. Ich hatte zwar nie das Gefühl, keine ‚vollwertige‘ Frau mehr zu sein, aber ich nahm auf einmal alles viel persönlicher. Meine Laune kippte oft von einem Moment zum anderen. Zum Glück beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit ätherischen Ölen. Sie haben mich auch in dieser wortwörtlich wechselhaften Zeit gut unterstützt. Vor allem Rosengeranie und Muskatellersalbei, die hormonausgleichend wirken. Aber auch Bergamotteöl kann ich jeder Frau für diese Zeit nur ans Herz legen. Gleichzeitig bietet diese neue Lebensphase auch Chancen. Ich konnte mich neu erfinden und hatte endlich den Mut, Dinge zu tun, für die ich zuvor keine Zeit fand. So habe ich etwa meine Arbeit in einem Drogeriemarkt an den Nagel gehängt und mich meiner Berufung als Energetikerin gewidmet. Ich lebe nun ohne Zeitkorsett. In der Früh lasse ich mich von meiner inneren biologischen Uhr wecken und meine Freizeitaktivitäten gestalte ich spontan sowie meinen momentanen Bedürfnissen entsprechend. Seitdem fühle ich mich jünger und fitter denn je.“
Josefine Bartl, 57, Dessousberaterin: „Der Fächer ist zu meinem beliebtesten Accessoire geworden“
„Ich bin vor zwei Jahren in die Wechseljahre gekommen. Und leider sind bei mir die typischen Symptome recht heftig aufgetreten. Angefangen haben meine Beschwerden mit leichtem Nachtschweiß. Das hat sich dann immer weiter gesteigert. Bis heute leide ich ungefähr alle drei Wochen an starken Hitzewallungen. Diese Phase dauert dann etwa zehn Tage. Wobei die Schweißausbrüche in der Nacht unangenehmer sind, weil ich nicht nur mein Nachthemd öfters wechseln muss, sondern auch viel unruhiger schlafe. Untertags habe ich mich großteils mit den Beschwerden arrangiert. Ich versuche sie mehr oder weniger auszublenden. Dabei ist der Fächer zu meinem beliebtesten Accessoire geworden. Durch das Luft zufächeln kann ich mir wenigstens ein wenig Kühlung verschaffen. Außerdem trinke ich viel Wasser mit Zitronen- und Pfefferminzöl. Das erfrischt innerlich. Und auf den Nacken lege ich mir ein feuchtes, kaltes Tuch. Darüber hinaus kaufe ich mir nur noch Oberteile aus Viskose. Dieses Material saugt den Schweiß besser auf als Baumwolle.“
Wir durchleben unsere Wechsel(-haften) Jahre
Schweißausbrüche, Stimmungsschwankungen und Menopause. Die Wechseljahre stellen das Leben einer Frau auf den Kopf. Einige leiden stark darunter. Das muss nicht sein. Je nach Symptomen kann Betroffenen geholfen werden. Manche begreifen diese Phase aber auch als Befreiungsschlag und erfinden sich im wahrsten Sinne neu.
Während Männer eine sogenannte „Midlife-Crisis“ haben, in der sie plötzlich ihre Vorliebe für jüngere Partnerinnen, schnellere Autos oder Fitnesskurse entdecken, durchleben Frauen ab 40 Jahren ihren „Wechsel“. „Diese Wechseljahre sind kein besonders angesagter Klub. Und nicht bloß, weil sie dort tatsächlich noch ‚Abba‘ spielen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin älter als 50. Das heißt: Eben fühlte ich mich noch total jung und nun bin ich Zielgruppe für Werbung gegen Blasenschwäche und für Hormonersatztherapien“, witzeln Susanne Fröhlich und Constanze Kleis in ihrem Buch „Diese schrecklich schönen Jahre“ (Gräfe und Unzer-Verlag).

Schonungslos offen beschreiben die beiden Autorinnen ihre Erfahrungen in dieser Zeit des Umbruches, voll „durchgeschwitzter Pyjamas, Bandscheibenvorfällen, Arthrose in den Knien und Menopause.“

Über derartige Symptome klagen viele Damen. „Wenn eine Frau in ihre Wechseljahre kommt, produziert der Körper weniger weibliche Hormone und das führt zu Beschwerden wie trockener Haut, Schweißausbruch, Gereiztheit, Schlafstörungen und dem Ausbleiben der Menstruation“, weiß die Gynäkologin und Wiener Universitätsprofessorin Doris Maria Gruber. Betroffenen kann aber geholfen werden. „Die Behandlung hängt von den Symptomen ab. Das reicht von der Pflanzenmedizin bis hin zur Hormonzufuhr in schweren Fällen“, schildert Gruber. Generell sollte die richtige Therapie von einem qualifizierten Experten verschrieben und durchgeführt werden. Denn, wie auf jedem Gebiet, gibt es auch hier Scharlatanerie.

Aber auch der soziale Druck sei groß, meinen die beiden Schriftstellerinnen Fröhlich und Kleis. „Ständig lese ich irgendwo, was andere Frauen noch jenseits der 40 für großartige Dinge geleistet haben. Den Kilimandscharo bestiegen, auf den Spuren der Berggorillas in Uganda gewandelt und in Indien ein Hilfsprojekt für misshandelte Mädchen aufgebaut. Ich bin sprachlos angesichts all dieser Energie und auch ein bisschen gelähmt. Gehört das jetzt dazu? Muss ich das tun? Darf ich mich nicht einfach auf das Sofa legen und durchatmen?“

Sie dürfen und sollen sogar, wenn es nach Fröhlich und Kleis geht. Bei der Lektüre ihres Buches erscheinen die Wechseljahre auf einmal gar nicht mehr so bedrohlich, ja können sogar als Chance begriffen werden. „Anstatt nicht mehr jung genug für etwas zu sein, darf ich jetzt einmal zu alt sein. Ich persönlich bin definitiv zu alt fürs Zelten und muss auch Unterkünfte, die ich mir mit Kakerlaken teile, nicht mehr romantisch finden. Egal, wie wunderbar der Mann ist, der das behauptet (um in Wahrheit etwas Geld zu sparen). Ich bin zu alt, um mein ganzes Selbstbewusstsein an ein paar Kilos zu viel zu verlieren. Ich bin auch zu alt für Vorschriften bezüglich meiner Frisur, Lebensweise oder Kleidung. Die oberste Instanz für ästhetische Fragen in meinem Leben bin endlich ich allein.“ Und diesen Umstand kosten die beiden über 50jährigen aus. „Keinesfalls zu alt bin ich für weitere erste Küsse, Sex-Lampenfieber und neue Projekte. Und ich bin glücklicherweise wieder alt genug, als Vorbild gelten zu können.“

Dabei verklären Fröhlich und Kleis die Wechseljahre nicht und geben offen zu, auch einmal ihren Falten künstlich mit Botox entgegengewirkt zu haben. Vor dem Eingriff hätten sie aber sehr wohl Zweifel geplagt. „Andererseits dachten wir uns dann, wieso machen wir eigentlich so eine große Sache daraus? Wir wollten es wenigstens einmal probieren.“

Überhaupt sollten sich Frauen niemals für ihr Alter schämen, geschweige denn sich selbst aufgeben, schließlich gebe es in diesen wechselhaften Jahren viel Neues zu entdecken, machen die Autorinnen Mut.


Susanne Fröhlich / Constanze Kleis
„Diese schrecklich schönen Jahre“
Gräfe und Unzer-Verlag, € 9,30
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