Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 07/2017 vom 14.02.2017, Fotos: picturedesk.com, All mauritius, Trölß, Morri
Die gute Ausbildung beginnt bereits in der Volksschule. Eltern bangen um die Zukunft ihrer Sprösslinge.
Markus Globauer (Name geändert), 4 Kinder:
„Meine Tochter wurde von den
Mitschülern sexuell belästigt“

„Meine Tochter ging in die erste Klasse der Volksschule Flotowgasse im 19. Wiener Bezirk. Die Zustände waren nicht zumutbar. Die Mitschüler, viele aus kaputten Elternhäusern, haben Messer mit in den Unterricht mitgenommen, die Lehrer fertig gemacht und die Mädchen regelmäßig sexuell belästigt. Wochenlang ging meine Tochter mit der Schihose ins Bett, weil sie Angst davor hatte, jemand würde ihr im Schlaf die Hose herunterziehen. Seit eineinhalb Jahren macht sie deswegen eine Therapie. Nach der Schule haben sich die Kinder im Park mit Hundekot beworfen. Als ich die Missstände in der vollen Tragweite mitbekam, wendete ich mich sofort an den Stadtschulrat. Nach 48 Stunden bekam ich einen Platz in einer anderen Schule zugewiesen. Zwei andere Mütter nahmen ihre Kinder zeitgleich von der Schule. Eine davon war extra täglich vom 20. Bezirk herübergependelt, weil sie angenommen hatte, im 19. Bezirk gäbe es bessere Schulen.“
Karin Kneidinger, 40, Angestellte mit ihrem Sohn Linus, 5:
„Wir wohnen neben der Schule“
„Bei mir ist es das zweite Kind, das in die Schule kommt. Mein Sohn David, 9, geht in die Volksschule Nr. 52 (Solarcity). Meinen zweiten Sohn Linus, er wird am 20. Juli sechs Jahre alt, habe ich in derselben Schule angemeldet. Ich war schon im Herbst bei der Direktorin und hoffe, Linus in der Solarcity unterzubringen. Das ist die Wunschschule, denn wir wohnen gleich daneben. Und sie hat einen guten Ruf.“
Sany Vikic, 31, Angestellte mit ihrem Sohn Danis, 6:
„Lehrer sind völlig überfordert“

„Ich möchte unbedingt, dass mein Sohn in eine kleine Dorfschule geht, in die nicht massenhaft Kinder in eine Klasse gesteckt werden. Ich höre Horrorgeschichten von Freundinnen, in denen Kinder bereits in der Volksschule zwei Mal hintereinander durchgefallen sind, weil die Lehrer überfordert waren. Hinzu kommt, dass auch Flüchtlingskinder in den Klassen sitzen, die noch nie ein Wort Deutsch gesprochen haben. Die Kinder werden zwar der Schule nach Wohnort zugeteilt, doch ich möchte, dass Danis in die Volksschule Pogöriach kommt. Es wird in Kärnten immer schwieriger, einen guten Schulplatz zu bekommen.“
Der Kampf um den besten Schulplatz
Klassen, in denen bis zu 90 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund sitzen, machen das Lernen schwer. Deshalb versuchen Eltern, ihre Kinder in Wunschschulen unterzubringen. In Unterrichtsstätten, die „einen guten Ruf“ haben. Ob der Wunsch in Erfüllung geht, entscheidet sich in den nächsten Wochen.
Im Herbst beginnt für rund 80.000 Kinder der Ernst des Lebens. Sie kommen in die Volksschule.

Die Einschreibungen dazu haben in den vergangenen Wochen stattgefunden. Ab März entscheidet sich, welchem Tempel des Wissens die Kinder zugeordnet werden, die bis 31. August das sechste Lebensjahr abgeschlossen haben. Das ist vor allem in den Großstädten von Bedeutung.
Zwar gibt es mancherorts eine Sprengelzuteilung, doch die ist immer häufiger nicht nach den Vorstellungen der Eltern. Denn die wollen von der ersten Stunde an, dass ihr Kind bestmöglich untergebracht ist, um die Basis für eine gute Karriere zu bilden. Schließlich soll dem reibungslosen Ablauf von der Volksschule über das Gymnasium hin zum Studium und einem „schönen“ Beruf nichts im Wege stehen. Außer vielleicht die mangelnde Lernbereitschaft des Kindes oder dessen Intelligenz.

Deshalb legen sich Papa und Mama gehörig ins Zeug, um einen guten Platz in der Volksschule zu bekommen. Möglichst in der Nähe ihres Wohnortes, was durch die Sprengelzuteilung eigentlich gegeben wäre, aber wichtiger noch, es soll eine Klasse mit einem geringen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sein. Weil sie, so die vorherrschende Meinung, das Lernniveau senken.

Der Kampf um die besten Plätze ist voll entbrannt. Eltern nutzen jede Gelegenheit, sich die Ausbildungsstätten genau anzusehen. „Für unsere Tochter wird es im Herbst ernst, das ist die vierte Schule, die wir uns anschauen“, erzählt ein Elternpaar in der Volksschule Windhabergasse im 19. Wiener Gemeindebezirk. Die beiden drängten sich am Tag der offenen Tür mit zahlreichen anderen Besuchern durch die Gänge. Vor allem Mütter eilten umher, befragten einzelne Lehrer, belagerten die Direktorin und sahen sich die Klassenzimmer an. „Ich habe nichts gegen Vielfältigkeit. Aber wenn in einer Klasse zehn Kinder sitzen, die kaum Deutsch sprechen, kann mein Kind nicht gefördert werden“, erklärt die 38jährige Magdalena Thore, warum auch sie mehrere Schulen unter die Lupe nimmt.
Ob ihr Kind in der von ihr gewünschten Schule unterkommt, erfährt sie in den nächsten Wochen. „Ist kein Platz für das Kind in der Wunschschule, werden den Eltern Alternativen vorgeschlagen“, erklärt Matias Meissner, Sprecher des Wiener Stadtschulrates.

„Das wäre grauenhaft“, meint Maria Hauber (Name geändert), Mutter zweier Mädchen im Alter von sechs und vier Jahren. Sie möchte ihre Kinder in eine bestimmte Volksschule im 19. Bezirk unterbringen. In der Alternativschule, die nur ein paar Straßen weiter liegt, möchte sie ihre Töchter auf keinen Fall sitzen sehen. Ein Freund habe sein Kind dort und ihr von Waffenbesitz und sexuellen Übergriffen von Mitschülern erzählt. Viele der kleinen Schülerinnen und Schüler seien Ausländer, meint die besorgte Mutter und steht damit nicht allein.

Kinder mit Migrationshintergrund sind ein heikles Thema, vor allem in unserer Hauptstadt. In Wien beträgt derzeit der Anteil der Kinder mit anderer Muttersprache etwa 60 Prozent, das sind 42.000 von 70.000 Volksschülern. Bundesweit sind es knapp ein Drittel, rund 95.000 von 330.000 nach Angaben der Statistik Austria.

In vereinzelten Schulen unseres Landes haben sogar neun von zehn Kindern Migrationshintergrund. „Wenn ich mir die Namen meiner Schüler ansehe, verzweifle ich manchmal“, erzählt eine Lehrerin aus Annabichl (K). Unter ihren 21 Schülern gibt es zwei Muhammeds, einen Assad, einen Youssef und eine Shokrullah. Heimisch klingen davon höchstens zwei Namen. „Die meisten sprechen kaum Deutsch, dafür vereinen sich sechs verschiedene Muttersprachen in dieser Klasse“, erklärt die 35jährige. Der Unterricht gestalte sich deshalb äußerst schwierig, meint sie.

Eine Untersuchung zeigt, dass Kinder, deren Elternhaus nicht Deutsch-dominiert ist, zwei Jahre brauchen, bis sie dem Unterricht gut bis sehr gut folgen können. „Deshalb ist es wichtig, die deutsche Kommunikation der Kinder untereinander zu fördern“, meint Karl Steinparz vom Büro des Landesschulrates Oberösterreich.

Ein guter Vorsatz. „Leider ist das schwierig, wenn in einer Klasse fast nur ausländische Kinder sitzen“, erklärt eine Lehrerin aus Wien Fünfhaus, einem traditionell ausländerstarken Bezirk. Dazu kommen die Flüchtlingskinder, für die unsere Sprache fremd ist. „Sie sitzen in der Klasse und sehen mich mit großen Augen an“, erzählt sie.

Derzeit besuchen von Vorarlberg bis Niederösterreich 8.300 Flüchtlingskinder die heimischen Volksschulen. Der Schwerpunkt liegt in Wien. Heimische Eltern wollen ihre Kinder den Klassen mit hohem Ausländeranteil fernhalten, die Lehrer geraten an ihre Leistungsgrenze, schließlich sollte ein Mindestmaß an Wissen vermittelt werden.
Das Bildungsministerium von Sonja Hammerschmid setzt deshalb in diesem Jahr verstärkt auf Integrationsmaßnahmen, schließlich gilt hierzulande die Schulpflicht, deshalb müssen auch die mit ihren Eltern eingewanderten Kinder die Schulbank drücken. Neben dem Ausbau der Sprachkurse soll ein „mobiles interkulturelles Team“ erstellt werden, heißt es aus dem Ministerium. „80 Planstellen, bestehend aus Psychologen und Sozialarbeitern, die mit der Sprache der Flüchtlingskinder vertraut sind, sorgen für Verständigung“, erklärt die Sprecherin Kathrin Liener. Dazu kommen zusätzliche Lehrer und Schulsozialarbeiter.

Unser Schulsystem ist nicht auf die zahlreichen Migrationskinder ausgerichtet. „Obwohl Schulpflicht herrscht, sind keine sprachlichen Voraussetzungen nötig, um in die Volksschule aufgenommen zu werden“, erklärt Meissner vom Wiener Stadtschulrat.

Um ihren Sprösslingen von der ersten Unterrichtsstunde an eine gute Ausbildung zukommen zu lassen, greifen immer mehr Eltern tief ins Geldbörsel und finanzieren den Unterricht in einer von 100 Privatschulen, die es in unserem Land gibt. In Wien allein sind es bereits 49. Doch die Wartelisten sind lang und fünf Jahre Wartezeit keine Seltenheit. „Viele unserer Kinder werden Jahre im Vorhinein angemeldet, manche sogar gleich nach der Geburt“, sagt Christine Huber, Direktorin der Privatschule Maria Regina im 19. Wiener Gemeindebezirk. Ähnlich ist es in der Theresianischen Akademie im vierten Bezirk. „Aufgrund des großen Interesses an unserer Volksschule können wir Vormerkungen erst für das Schuljahr 2022/23 entgegennehmen“, heißt es aus dem Direktorium.

Und das bei doch erheblichen Kosten. Zwischen 300 und 800 Euro sind monatlich zu berappen. Dennoch hat Direktorin Huber alle Hände voll zu tun. „Die Zahl der Anmeldungen steigt ständig, wir haben nie genug Plätze.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung