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Ausgabe Nr. 07/2017 vom 14.02.2017, Fotos: picturedesk.com
Hugo Portisch: "Ich wollte einen Beruf ausüben, der es mir erlaubt, in die Welt hinauszugehen und andere Kulturen zu erleben."
„Meine Frau schreibt mir Liebesbriefe“
Er kennt das politische Geschehen wie kaum ein anderer. Und er versteht es, komplizierte Sachverhalte für jeden verständlich darzulegen. Damit machte sich Hugo Portisch als Fernseh-Kommentator einen Namen. Am Sonntag feiert der in Wien lebende Autor zahlreicher Bücher seinen 90. Geburtstag. Und freut sich heute noch über die geschriebenen Liebesbekundungen seiner Frau Gertraude, wie er dem WOCHE-Reporter Gerald Vukits erzählt hat.
Herr Dr. Portisch, anlässlich Ihres 90. Geburtstages am 19. Februar kam die erweiterte Sonderausgabe Ihrer Autobiografie „Aufregend war es immer“ auf den Markt. Was war das Aufregendste, das Sie als Journalist erlebt haben?
Es hat mich fast alles aufgeregt (lacht). Einmal wurde über Vietnam das Flugzeug, in dem ich saß, beinahe abgeschossen.

Dabei wollten Sie nach dem Studium der Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik gar nicht Journalist werden?
Aber ich wollte einen Beruf ausüben, der es mir erlaubt, in die Welt hinauszugehen und andere Kulturen zu erleben.

Worüber Sie stets berichtet haben. Dank Ihrer Popularität sollten Sie später Politiker werden, im Jahr 1992 sogar Bundespräsident, als Nachfolger von Kurt Waldheim …
Damals wäre ich der Kandidat von ÖVP und SPÖ gewesen. Ich habe allerdings keinen Augenblick überlegt, Politiker zu werden. Insgesamt hatte ich vier Angebote, „die Seite zu wechseln“ (lacht).

Sie blieben aber stets ein kritischer Betrachter des politischen Weltgeschehens. Michael Gorbatschow, der ehemalige russische Präsident, warnte kürzlich vor einem neuen Weltkrieg. Sehen Sie auch eine derartige Gefahr?
Nein, ich habe mich über seine Ansicht gewundert. Er sollte das System kennen. Ich habe mich immer darauf verlassen, dass die handelnden Personen in der Weltpolitik das Krisen-Management in der Hand haben. Seit der Kuba-Krise ist das „direkte Telefon“ eingerichtet. Das heißt, der amerikanische Präsident hebt ab und spricht mit dem Chef im Kreml. Und umgekehrt.

Ist der neue amerikanische Präsident Donald Trump für Sie eher ein Demokrat oder ein Diktator?
Er benimmt sich wie ein Diktator. Er verletzt amerikanische Gesetze und Regeln. Dass er das Land „zusperren“ möchte, konkret für viele Muslime, spricht gegen jedes amerikanische Selbstverständnis. Er ist ein Populist. Und das ist eine Gefahr für Europa,
denn er könnte die europäischen Populisten in deren Auffassungen bestätigen.

Wenn Sie sich bei unseren derzeitigen Politikern umschauen, vermissen Sie dann Persönlichkeiten wie Bruno Kreisky?
Ich vermisse auch Männer wie Leopold Figl, unseren ersten Bundeskanzler, und Julius Raab, unseren „Staatsvertragskanzler“. Das waren Persönlichkeiten, die in der Lage waren, Dinge zu tun, auch mit Partnern, ohne zu überlegen: „Was kostet mich das jetzt an Stimmen?“ Oder: „Was bringt mir das an Stimmen?“ Heutzutage nehmen es die Bürger den Politikern nicht ab, dass sie sich für das Land einsetzen. Sie setzen Taten, um vom Wähler belohnt zu werden.

Ist unser Außenminister Sebastian Kurz wirklich unser Mann der Zukunft, als der er von vielen gesehen wird?
Er hat bislang keine Taten gesetzt, die es mir erlauben, ihn einzuschätzen.

Wie sehen Sie das Burka-Verbot?
Ich glaube, das ist ganz in Ordnung. Es ist ein störendes Kleidungsstück. In einer Demokratie, in einem freien Land, hat der Mensch sein Gesicht zu zeigen. Niemand sollte sich hinter einem Schleier verbergen. Das ist nicht nur traditionswidrig, es verstößt gegen Umgangsformen. Abgesehen davon, halte ich die Burka für ein Kleidungsstück, das die Rechte der Frau beschneidet.

Welche Rechte hat Ihre Frau Gertraude, „Traudi“, wie Sie sie nennen?
Alle Rechte (lacht).

Im Mai werden es 68 Jahre, dass Sie mit Ihrer Traudi, einer Buch-Autorin, verheiratet sind. Ihre Frau schreibt auch Gedichte. Hat sie schon einmal eines über Sie geschrieben?
Nein. Gott sei Dank. Liebesbriefe hat sie mir schon viele geschrieben. Und schreibt sie mir nach wie vor. Zu Weihnachten, zu Neujahr, zum Geburtstag … Ich revanchiere mich selten. Ich habe keine Zeit.

Aber im Laufe von 68 Jahren haben Sie ihr schon einmal zurückgeschrieben, nicht wahr?
Ja, ja, natürlich.

Vor fünf Jahren starb Ihr Sohn Edgar 61jährig an einem Herzstillstand. Was hat Ihnen nach seinem Tod am meisten geholfen?
Meiner Frau und mir hat das Wissen geholfen, dass unser Sohn ein erfülltes Leben hatte. Er sprach fünf Sprachen, hat gemalt, arbeitete im Europarat und entwickelte auf Madagaskar ein kleines touristisches Zentrum mit einem Gästehaus und einem Restaurant. Dort erkrankte er an einer tropischen Krankheit namens Bilharziose. Die ist in einem Spital auf Madagaskar allerdings ausgeheilt worden. Auf seinem Entlassungspapier stand: „Größtmögliche Schonung“. Doch er fuhr drei Stunden lang nach Hause, um seinen Laptop zu holen. Dabei starb er an einem Herzstillstand. Am nächsten Tag sollte er zu Freunden auf die Nachbarinsel Réunion reisen, wo er sechs Wochen lang bleiben wollte. Dafür brauchte er den Laptop.

Wie werden Sie Ihren 90er verbringen?
Ich habe keine Feier vorbereitet. Ich hoffe, mit meiner Frau allein zu sein. Vielleicht in unserem Haus in der Toskana (Italien).
ZUR PERSON

Hugo Portisch wurde am 19. Februar 1927 in Pressburg (Bratislava, Slowakei, damals Tschechoslowakei) geboren. Er studierte an der Universität Wien Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik und schloss 1951 das Studium als Dr. phil. ab. Er wurde Zeitungsjournalist, Chef-Kommentator des ORF, Gestalter von Fernseh-Dokumentationen wie Österreich I und Österreich II sowie Buch-Autor. Verheiratet ist er mit der Autorin Gertraude Portisch, die ihre literarischen Werke unter ihrem Geburtsnamen Traudi Reich veröffentlicht. Das Ehepaar lebt in Wien und in der Toskana (Italien). Der gemeinsame Sohn Edgar lebte und arbeitete zuletzt auf Madagaskar, wo er 2012 starb. Hugo Portisch hat eine Enkelin und eine Urenkelin.
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