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Ausgabe Nr. 07/2017 vom 14.02.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta
Gemeinsam nahmen Edie und Emily den Kampf gegen den Krebs auf.
Heute sind Mutter und Tochter wieder gesund.
„Wir haben gemeinsam den Krebs besiegt“
Als Emily Gilger vor sieben Jahren erfuhr, dass sie die Erbanlage in sich trug, die in ihrer kleinen Tochter Edie eine Krebserkrankung auslöste, brach für die 39jährige eine Welt zusammen. Doch dank dieser Erkenntnis wurde bei der Mutter der Tumor frühzeitig erkannt. Gemeinsam nahmen sie den Kampf gegen die heimtückische Krankheit auf. Heute sind beide wieder gesund.
Ich kam gerade noch rechtzeitig, um sie vor dem Ersticken zu bewahren“, erinnert sich Emily Gilger aus Lexington (Kentucky, USA) noch genau an jene Nacht vor sieben Jahren, in der sie vom lauten Weinen ihrer fünf Monate alten Tochter wach wurde. Keinen Augenblick zu früh. „Meine kleine Edie lag mit dem Gesicht in Erbrochenem.“ Ein fürchterlicher Moment im Leben der jungen Mutter, der aber nicht ein schicksalshafter Zufall, sondern der Auftakt eines langen Dramas war.

Am nächsten Tag nahm das Kind kein Essen zu sich. Als Edie in der folgenden Nacht wieder ununterbrochen weinte und ihre Haut sich gelb färbte, wurde die 39jährige Mutter, eine Hausfrau, misstrauisch. Um vier Uhr früh eilte sie mit ihrer Tochter ins Spital von Lexington. „Ich hatte das Gefühl, dass etwas Schreckliches mit meinem Kind im Gange war,“ sagt sie.

Eine eilig vorgenommene Ultraschall-Untersuchung im Dezember des Jahres 2009 ergab, dass sich in Edies Bauch eine massive Krebsgeschwulst entwickelt hatte. „Es ist ein Neuroblastom“, sagte der Chefarzt. Dabei handelt sich um einen bösartigen Tumor, dessen Zellen (so genannte Neuroblasten) sich nicht geregelt weiterentwickelt haben. Das Leiden tritt vor allem in den Nebennieren auf, entlang der Wirbelsäule, im Kopf-, Hals- und Nackenbereich sowie im Brust-, Bauch- und Beckenraum. Neuroblastome gehören zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern. Auch in unserem Land erkranken etwa 25 Kinder jährlich an diesem Krebs.

Um das Wachstum der Tumorzellen zu stoppen, wurde das Baby sowohl einer Chemo-, wie auch einer Strahlentherapie unterzogen. „Während einer langen Zeit kehrten Edies Geschwülste nach jeder neuen Behandlung zurück“, erzählt Emily. „Sie wuchsen auf ihrer Wirbelsäule und ihrer Brust. Sie konnte kaum atmen. Sie wurde so dünn, dass sie nicht mehr aussah wie meine Edie.“ Einmal glaubte Emily, Krankenschwestern hätten ein anderes Kind in Edies Bett gelegt. „Ich sagte: ,Das ist nicht mein Mädchen! Wo ist Edie?‘ Sie hielten mich für verrückt.“
Weil die Ärzte in Lexington der Krankheit nicht Herr wurden, suchten Emily und ihr Mann Nick Gilger, 38, ein Versicherungsmakler, eine bessere Klinik. „Ich traute unseren Medizinern in Kentucky nicht mehr, weil sie immer nur sagten: ‚Wir könnten es ja einmal mit etwas anderem versuchen.‘“ Die Eltern flogen mit ihrer Tochter zur Kinderklinik von Philadelphia, in der Hoffnung, dass eine Stammzellen-Transplantation die richtige Antwort sei.

„Als Edie bei uns eintraf, hatte sie keine Haare mehr“, erinnert sich der Kinderarzt Dr. Yael P. Mosse an den bemitleidenswerten Zustand seiner kleinen Patientin. „Sie wurde durch eine Röhre gefüttert, weil sie nicht mit ihrem Mund essen konnte. Sie hatte eine Abneigung gegen Nahrung entwickelt. Als Folge der Chemotherapie benötigte sie Bluttransfusionen.“ Edie wurde mit verschiedenen Medikamenten behandelt, aber auch sie verhinderten nicht, dass sich die Krebszellen weiter ausbreiteten.

Da diese Krankheit vererbt werden kann, schlug Dr. Mosse vor, Edies Erbanlagen mit jenen ihrer Eltern zu vergleichen. „Nick und mir wurde Blut abgenommen, um es in einem Speziallabor zu testen“, berichtet die Mutter. Zwölf Stunden später stand das Ergebnis fest. Bei der 39jährigen waren dieselben Krebszellen festgestellt worden wie bei ihrer Tochter. Der Vater war krebsfrei. „Ich hatte meinem Kind den Krebs vererbt“, sagt Emily Gilger. „Ich war entsetzt, fühlte mich schuldig und hilflos. Edie hatte wegen mir so gelitten.“

Ihre Sorge wurde nicht geringer, als sie während Edies Behandlung erfuhr, dass sie schwanger war. „Ich fürchtete, auch mein zweites Kind könnte krank werden“, sagt die 39jährige. Glücklicherweise wurden die verdächtigen Anlagen aber bei Sohn Robert nicht festgestellt. Er ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und kerngesund.

Weil ein Neuroblastom bei Erwachsenen seltener in voller Stärke ausbricht als bei Kindern und sich Emily Gilgers Erkrankung noch im Anfangsstadium befand, konnte die Mutter ohne große Schwierigkeiten geheilt werden. Anders war es bei ihrer kleinen Tochter. Sie hatte einen harten Kampf zu bestehen.

Dr. Mosse unternahm an Edie, zusammen mit zehn anderen Kindern, eine klinische Studie mit einer experimentellen Arznei. Sie verursachte zunächst schwere Durchfälle und Erbrechen, aber nach einem Monat zeigten Untersuchungen, dass die Tumore bei allen Kindern vollständig verschwunden waren. Auch bei Edie und ihrer Mutter ist der Krebs nicht zurückgekehrt.

Als sie das gute Ergebnis hörten, umarmten Edies Eltern Dr. Mosse in großer Dankbarkeit. „Er hatte unsere Tochter gerettet – und ihr die Mutter bewahrt“, sagt Vater Nick Gilger erleichtert.

Die blonde, blauäugige Edie ist jetzt siebeneinhalb Jahre alt. Freundinnen erzählt sie manchmal von der schlimmen Zeit, als sie „ein Ungeheuer namens Spicy im Bauch hatte“, wie sie ihre Krankheit beschreibt.

Äußerlich hat der Kampf gegen den Krebs keine Spuren hinterlassen, doch vor allem in der Seele der Mutter sind die Narben noch nicht verheilt. „Wenn ich daran denke, was geschehen ist, muss ich manchmal weinen. Dann halte ich Edie ganz fest in den Armen – so, als ob ich immer noch Angst hätte, sie zu verlieren“, sagt Emily, während sie versucht, ihre Tränen zu unterdrücken.
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