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Ausgabe Nr. 06/2017 vom 07.02.2017, Fotos: Judith Maria Trölß
Am Großen Pyhrgas stürzte Carl Steiner 500 Meter in die Tiefe.
Ein Andenken seines 500-Meter-Sturzes ist die zerrissene Hose.
„Ich hatte den Tod vor Augen“
Einen Moment der Unachtsamkeit hätte Carl Steiner aus Prambachkirchen (OÖ) beinahe mit dem Leben bezahlt. Nachdem er bei schlechter Sicht am Großen Pyhrgas vom Weg abgekommen war, stürzte der Tourengeher 500 Meter in die Tiefe. In einem selbst gegrabenen Schneeloch überlebte er die eisige Nacht am Berg.
Die hat mir das Leben gerettet“, sagt Carl Steiner, 36, und zeigt auf eine rote Fleece-Jacke. Das Kleidungsstück hielt ihn nicht nur warm, sondern fiel auch den Rettern in einem Polizeihubschrauber auf, die in 100 Meter Höhe über ihm schwebten. Sie gehörten zu einem Team von 60 Bergrettern, die auf der Suche nach dem Oberösterreicher waren. Bei einer Schneeschuh-Wanderung auf den 2.244 Meter hohen Großen Pyhrgas verirrte sich Steiner und fiel 500 Meter in die Tiefe. Dass er den Sturz nur leicht verletzt überlebte, grenzt an ein Wunder.

„Der Pyhrgas ist mein Hausberg. Auf dem war ich sicher schon 100 Mal“, sagt der Kundendiensttechniker aus Prambachkirchen (OÖ) und schüttelt den Kopf, wie ihm dieses lebensgefährliche Missgeschick passieren konnte. „Am 6. Jänner bin ich um 10 Uhr von zu Hause weggefahren“, erinnert sich Steiner. Ausgerüstet mit Schneeschuhen machte er sich um elf Uhr an den Aufstieg. Viereinhalb Stunden dauerte sein Weg nach oben. „Ich habe das Gipfelkreuz fotografiert und dann mit dem Abstieg begonnen, weil die Sicht schlechter wurde.“ Anfangs konnte der leidenschaftliche Tourengeher noch seinen Spuren folgen. „Aber als die Sicht nur noch zwei Meter betrug, kam ich nach links ab.“ So bemerkte er auch nicht, dass er sich über eine Schneeverwehung bewegte, die im Nichts endete. Das Unglück nahm seinen Lauf.

„Ich wollte mich mit meinen Schneestöcken abstützen, stürzte jedoch ins Leere. Ich flog durch die Luft, schlug wieder auf und machte Purzelbäume an scharfen Felskanten vorbei. Meine Hose ist dabei zerrissen“, sagt Steiner und zeigt das große Loch im Beinkleid. Auf einem steilen Abhang, etwa 500 Meter unterhalb des Gipfels, endete der Fall. „Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte, begann ich, meinen Körper abzutasten. Meine linke Hüfte schmerzte zwar, aber es schien, als hätte ich mir nichts gebrochen“, berichtet Steiner. Dann erkundete er seine Lage. „Nach oben ging es nicht, es war zu steil. Der Weg nach unten endete nach 70 Metern an einem Felsabbruch.“ So setzte er nach einer Stunde einen Notruf ab. „Mama, verständige die Bergrettung, ich bin am Pyhrgas abgestürzt“, musste seine Mutter Leopoldine vernehmen. Als ihr der geliebte Sohn versicherte, dass er sich keinen Scherz mit ihr erlaube, alarmierte die 56jährige die Bergrettung.

Bald meldete sich einer der Helfer auf Steiners Mobiltelefon und teilte ihm mit, dass nach ihm gesucht werde. Doch die Rettungskette kam ins Stocken, da Steiner eine falsche Richtungsangabe machte. „Ich war ja durch den Sturz nicht mehr über die Himmelsrichtungen orientiert und vermutete, auf der Nordseite abgestürzt zu sein.“ Tatsächlich war er an der Südseite gefangen. So konnte er nicht die Leuchtraketen sehen, die von den Rettern abgefeuert wurden.

„Es wurde langsam dunkel und immer kälter.“ Um nicht zu erfrieren, baute sich Steiner ein Schneeloch. „Ich hatte nicht einmal eine Schaufel. Ich grub mit meinen Händen etwa vier Meter in den Schnee hinein.“ Sein Rucksack diente ihm als Unterlage, auf den er sich in Embryostellung zusammenkauerte. So verbrachte er die Nacht.

„Ich hörte ständig Lawinen abgehen und wartete nur darauf, dass mich eine erwischt“, erinnert sich Steiner. Als er um 23 Uhr am Mobiltelefon die Nachricht erhielt, dass die Suche nach ihm erst am nächsten Tag fortgesetzt werde, breitete sich in ihm Hoffnungslosigkeit aus. „Ich hatte den Tod vor Augen, habe schon mit allem abgeschlossen. In meinem Herzen nahm ich Abschied von meiner Mutter, meinem Vater, meinem Bruder und meiner Lebensgefährtin Ulrike, mit der ich ein inniges Verhältnis habe. Die Temperatur sank in der Nacht auf minus 18 Grad.“ Dann kam der Morgen. „Es war ein Wahnsinn zu sehen, wie die Sonne den Schnee und den Berghang angeleuchtet hat. Ich sah hinauf zu der Stelle, von der ich abgestürzt war und ich wusste sofort, dass ich riesiges Glück hatte.“

Wenig später hörte Steiner die brummenden Rotoren von Hubschraubern. „Dann sah ich sie, es waren zwei, einer von der Polizei, einer vom ÖAMTC. Aber sie haben mich nicht gesehen. Das Gelände ist riesig.“ Immer wieder näherten und entfernten sich die Flugretter. „Ich habe gewunken wie ein Verrückter. Auf einer Forststraße, beim Zwischenlandeplatz für den Hubschrauber, waren nun Bergretter. Die dürften mich mit einem Fernglas entdeckt und den Hubschrauber eingewiesen haben. Und auf einmal ist er über mir geschwebt“, erinnert sich Steiner an den emotionalsten Moment in seinem Leben. „Endlich. Ich fühlte mich wie neu geboren. Ich habe zu weinen begonnen vor lauter Freude.“

Mittels Seilbergung wurde der 36jährige in den Hubschrauber gezogen und ins Spital Kirchdorf an der Krems gebracht. Wo er nur eine Nacht verbrachte. „Ich hatte eine Hüftprellung, sonst keine schweren Verletzungen. Meine Zehen und Finger waren komplett blau. An der rechten Hand spüre ich noch immer im Mittel- und Ringfinger ein Stechen. Das wird Monate dauern, bis es sich bessert“, sagt Steiner, der sich in Zukunft bemühen will, sorgsamer mit seinem Leben umzugehen.
„Diese Sekunden der Unachtsamkeit, in denen ich dachte, ich sei am richtigen Weg, ich gehe die paar Schritte einfach blind weiter, wären vermeidbar gewesen. Ich hätte meine Spur suchen und ihr folgen müssen“, sieht er seinen Fehler ein. Und hat aus ihm gelernt. „Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, rechtzeitig umzudrehen.“ Gerüstet mit dieser Erkenntnis, will er irgendwann dem Großen Pyhrgas wieder einen Besuch abstatten. „Ich werde mich bedanken, dass er mich nicht sterben hat lassen.“
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