Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 04/2017 vom 24.01.2017, Fotos: EXPA Pictures/JFK, Ullrich
Die Steirerin Stefanie Zefferer, 33, will
vor Gericht Schadenersatz erkämpfen.
Die Mama ist stets da, wenn Vanessa etwas braucht.
Kuscheln mit Papa gefällt dem Mädchen.
Anwältin Prutsch kämpft für Vanessa.
„Weil bei der Geburt kein Arzt anwesend war, bleibt meine Tochter für immer behindert“
Vor sieben Jahren hätte Vanessa Zefferer gesund zur Welt kommen müssen. Doch das Mädchen ist schwerstbehindert, weil kein Facharzt bei ihrer Geburt im Spital in Schladming (Stmk.) anwesend war, obwohl sogar mit ärztlicher Betreuung geworben wird. Nun klagt die Familie das Krankenhaus auf die Zahlung von 200.000 Euro.
Behutsam füttert Stefanie Zefferer, 33, ihre Tochter Vanessa mit dem selbstgemachten Schokopudding. Eigentlich müsste die Siebenjährige längst selbstständig mit Löffel und Gabel umgehen können. Doch dazu ist sie nicht in der Lage.

Das Mädchen ist schwerstbehindert, weil bei ihrer Geburt im Diakonissenkrankenhauses Schladming (Stmk.) kein Gynäkologe anwesend war. Stattdessen brachte eine Hebamme das Kind zur Welt, ein fataler Fehler. „Dabei haben mein Mann und ich uns gerade für dieses Spital entschieden, weil auf der hauseigenen Internetseite damit geworben wird, dass bei jeder Geburt ein Facharzt für Geburtshilfe anwesend ist“, erzählt Zefferer, die sich mit ihrem Mann Richard, 33, so sehr auf ihr erstes Kind gefreut hatte.

„Ich erlebte eine wunderschöne Schwangerschaft, ohne Komplikationen. Unser Kind sollte kerngesund zur Welt kommen.“ Die Voraussetzungen waren gegeben. Die Steirerin aus Rohrmoos-Untertal, einem Ort, der nur wenige Kilometer von Schladming entfernt liegt, fuhr regelmäßig zum Geburts- und Vorbereitungskurs ins Spital und baute Vertrauen zu den Hebammen auf. Doch dann, im Februar 2010, entwickelte sich das Drama, erinnert sich die Mutter. „Als die Fruchtblase platzte, sind wir um zwei Uhr nachts ins Spital nach Schladming gefahren. Im Kreißsaal stand mir dann eine fremde und blutjunge Hebamme gegenüber, und weit und breit war kein Arzt in Sicht. Die Geburt dauerte eineinhalb Stunden.
Anschließend legte mir die Hebamme Vanessa auf meine Brust, doch mein Baby war blau angelaufen, hat keinen Ton von sich gegeben, Arme und Beine hingen schlaff hinunter. Meine Schwiegermutter, die bei der Geburt anwesend war, forderte die Hebamme auf, etwas zu unternehmen. Vanessa war obendrein extrem berührungsempfindlich und hatte Schnappatmung. Sie wurde dann in den Brutkasten gelegt und erst acht Stunden später mit dem Rettungsdienst in das gut 130 Kilometer entfernte Spital nach Leoben überführt, weil das Krankenhaus Schladming für diese Notfälle nicht ausgestattet ist. In Leoben wurden sofort die Gehirnströme meiner Tochter gemessen. Sie waren eine Katastrophe, weil Vanessa während der Geburt mit Sauerstoff unterversorgt war und schwache Herztöne hatte. Mein Baby lag drei Wochen auf der Intensivstation, bekam Medikamente und musste mit einer Magensonde ernährt werden, weil sie nicht selbstständig saugen konnte. Als mir die Ärzte schließlich sagten, dass meine Tochter ihr Leben lang behindert sein würde, konnte ich es nicht fassen.“

Stefanie Zefferer und ihr Mann Richard konnten zwar ihre Tochter mit nach Hause nehmen, mussten sie aber ständig umsorgen. Ein halbes Jahr nach der Geburt stellten sich zudem epileptische Anfälle ein. Das Mädchen ist bis heute hilflos. „Vanessa kann nicht alleine sitzen, gehen und stehen. Sie hat über ihren Kopf keine Kontrolle und kann nicht sprechen“, sagt ihre Mutter. „Derzeit besucht sie eine Sonderschule mit einer eigenen Betreuungskraft.“

Mit vereinten Kräften versuchen die Eltern, ihrem Kind die nötige Unterstützung zu geben. Doch die geht zuweilen gehörig ins Geld. „Allein die Therapiekosten belaufen sich jährlich auf 10.000 Euro. Obendrein mussten wir verschiedene Anschaffungen machen. Wir haben einen Rehabuggy um 4.500 Euro gekauft, eine Liege für die Badewanne um 1.300 Euro, einen Lauflerntrainer um 3.500 Euro, wir ließen einen Treppenlift einbauen, der uns 18.000 Euro gekostet hat, Vanessas Rollstuhl verschlang 15.000 Euro und ein Augencomputer zur Kommunikation noch einmal 20.000 Euro. Bei fast allen Hilfsmitteln erhielten wir eine Zuzahlung von der Gebietskrankenkasse und der Bezirkshauptmannschaft, aber wenn wir nicht von lieben Menschen mit Spenden unterstützt worden wären, hätten wir uns die Anschaffungen nicht leisten können.“

Die Betreuung ihres Kindes und die Finanzierung der Hilfsmittel haben das Ehepaar Zefferer in den vergangenen Jahren stark beansprucht. Als es aber im Jahr 2015 von einem Mädchen hörte, das im selben Spital ebenfalls blau und ohne Herztätigkeit auf die Welt kam und zwei Wochen später verstarb, entschloss es sich, um Schadenersatz zu kämpfen. „Ich habe mich an Rechtsanwältin Karin Prutsch gewandt, die auf solche Fälle spezialisiert ist“, erzählt Frau Zefferer. Die Grazer Anwältin vertritt zudem vier weitere Frauen, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten. „Der Vorwurf der Patientinnen ist gleich: Im Spital Schladming wurde kein Gynäkologe beigezogen, obwohl es der Verlauf der Geburt erfordert hätte und laut Betriebsbewilligungsbescheid des Krankenhauses Schladming erforderlich ist.“

Da bislang keine Einigung mit dem Spital erzielt werden konnte, wird am 2. Februar am Landesgericht Leoben verhandelt. „Wir klagen den Rechtsträger des Krankenhauses auf mehr als 200.000 Euro Schadenersatz und die Feststellung, dass eine Haftung für alle Dauer- und Spätfolgen besteht. Zwei Gutachten bestätigen, dass die pathologischen Zeichen der Herztonkurve von Vanessa Zefferer falsch gedeutet wurden und das vorhandene ärztliche Personal und die Hebamme nicht in der Lage waren, einerseits die richtigen Schlüsse zu ziehen – eine dringende Verständigung eines Facharztes durchzuführen – und gleichzeitig die operative Entbindung vorzubereiten. Dadurch ist die Geburt zu spät erfolgt.“

Vom Spital Schladming wollte sich niemand zum Fall äußern. „Es handelt sich um ein laufendes Verfahren. Deshalb können wir derzeit nichts dazu sagen“, erklärt der Pressesprecher Hannes Stickler.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung