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Ausgabe Nr. 03/2017 vom 17.01.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta
Vor 70 Jahren verliebten sich Joyce Durrant und Thomas Norwood ineinander.
Das Paar vor 70 Jahren.
Wiedersehen nach 70 Jahren.
Ein Leben lang verliebt, ein gemeinsames Glück war ihnen nicht vergönnt
Sie haben sich in der schlimmen Zeit des Zweiten Weltkrieges kennengelernt und ineinander verliebt. Danach führten sie ihre Wege weit auseinander. Doch in Gedanken blieben sie eins. Im Alter und mehr als 70 Jahre später konnten sich Joyce Durrant und Thomas Norwood noch ein Mal in die Arme schließen. Ein spätes Glück schien möglich, bis sie einen Herzinfarkt erlitt.
An einem nebligen Frühlingstag in der britischen Hauptstadt London ruderte eine junge Frau mit ein paar Freundinnen auf der Themse. Als sie von einem anderen Boot überholt wurden, warfen ihnen die Männer Handküsse zu und riefen Komplimente. Die Begegnung dauerte nur Sekunden, aber der 17jährigen Joyce Durrant war ein großer, blonder Mann aufgefallen, den sie ihr Leben lang nicht vergessen würde. Auch er hatte sie gesehen.

Als die Frauen das gemietete Boot eine halbe Stunde später zurückgaben, stand der junge Mann am Steg, strahlte sie an und stellte sich mit einer höflichen Verbeugung vor: „Ich heiße Norwood Thomas.“

Es war ein warmer Tag des Jahres 1944, ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Engländerin arbeitete als Krankenschwester in einem Spital. Norwood, 21 Jahre alt und aus Virginia in den USA stammend, wurde auf der britischen Insel zum Fallschirmspringer für die Invasion der Alliierten in der Normandie ausgebildet. An dem Tag, als sie einander trafen, hatten beide Urlaub vom Dienst.

„Ich habe sie nur kurz gesehen“, sagt Norwood, heute 93 Jahre alt. „Aber ich dachte sofort: Diese Frau würde ich gerne heiraten.“ Sie verliebten sich, verbrachten ein paar Wochen lang jede freie Minute zusammen und versprachen, ihr Leben zu teilen, wenn der Schrecken vorüber wäre. Doch der Krieg zerstörte ihre Träume. Es dauerte mehr als 70 Jahre, bis sie wieder übers Heiraten sprechen konnten, doch erneut zerbrach ihr Glück.

Wenige Tage vor dem „D-Day“, als 160.000 alliierte Soldaten am 6. Juni 1944 den europäischen Kontinent von England aus erstürmten, gab der Amerikaner seiner Geliebten einen Kuss und sagte: „Bis bald.“ Es waren die letzten Worte, die sie damals von ihm hörte.

„Ich versuchte, mit ihr Kontakt aufzunehmen“, erzählt er heute, „aber in all den Kriegswirren war es unmöglich.“ Im Mai 1945 wurde er auf einem Truppentransporter in die USA verschifft. Joyce Durrant wartete vergeblich auf ein Lebenszeichen von ihm. Norwood sagt, er habe nach dem Krieg monatelang Briefe an Spitäler und Behörden in London geschrieben, um seine Liebe aufzuspüren. „Ich wollte, dass sie zu mir nach Amerika kommt. Ich hatte aber keinen Erfolg.“ Als einer seiner Briefe Joyce Durrant zwei Jahre später doch erreichte, war es zu spät. Sie antwortete nicht mehr. „Weil ich so lange nichts von ihm hörte, dachte ich, er habe mich vergessen“, erklärte sie. „Ich heiratete einen Australier und zog mit ihm auf die andere Seite der Erde.“ Durrant bekam drei Kinder, doch es war keine gute Ehe, nach 30 Jahren ließ sie sich scheiden.

Auch Thomas Norwood gründete eine Familie in Virginia Beach (USA). „Meine Frau Mary war eine gute, liebevolle Person“, sagt er. „Sie half mir, meine verwirrten Gedanken zu ordnen. Sie schenkte mir meinen Sohn Steven. Aber Joyce habe ich nie vergessen. Bei aller Liebe zu Mary, die im Jahr 2001 starb, mein ganzes Leben lang stand Joyce immer wieder in meinen Gedanken vor mir: wie das Bildnis einer Göttin, unberührt und unerreichbar. So, wie ich sie in England zurückgelassen habe.“

Am anderen Ende der Welt erinnerte sich eine Frau ebenso gern an die Zeit in London zurück und sprach immer wieder mit ihrem Sohn Robert darüber. „Dann überkam sie eine tiefe Traurigkeit“, sagt Robert Durrant, der sich eines Tages auf die Suche nach jenem Mann machte, nach dem sich seine Mutter sehnte. Er wurde fündig, knüpfte Kontakte mit Steven, dem Sohn Norwoods und die beiden führten ihre Eltern via Internet-Videotelefonie „Skype“ zusammen. „Diesen 6. November 2015 werde ich nie vergessen“, sagt der 93jährige. „Wir haben mehr als eine Stunde lang gesprochen. Es war, als hätten wir uns nie aus den Augen verloren.“

Ein Treffen wurde vereinbart. Sie wollten sich noch ein Mal in den Armen liegen. Am heißen, trockenen Morgen des 8. Februar 2016 trafen Vater und Sohn in Adelaide (Australien) ein, dem Wohnort von Durrant. „Tommy“, sagte sie humorvoll und strahlte ihn an: „Ich sehe, dass du immer noch aufrecht gehst.“ Sie hatte seinen Kosenamen nicht vergessen. „Ich hatte dir eine Umarmung versprochen“, lachte er, nahm sie in die Arme und küsste sie. Zwei unvergessene Wochen folgten, in denen sie sich wie verliebte Teenager benahmen. Ehe er abreiste, versprach er, sein Haus in den USA zu verkaufen und zu ihr zu kommen. Dann wollten sie endlich heiraten. Über Skype blieben sie in Verbindung. Bis Durrant einen Herzanfall erlitt, der sie ans Bett fesselte. „Dennoch hatte sie ihr Mobiltelefon neben sich liegen und wartete auf seine Anrufe“, erzählt ihr Sohn. „Jeden Tag telefonierten sie stundenlang.“

Am 9. Dezember 2016 starb Joyce Durrant, 89 Jahre alt, mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich hatte sie nach einem langen Leben endlich wiedergefunden“, sagt Norwood. „Und nun habe ich sie schon wieder verloren. Dass wir uns aber noch einmal sehen durften, beweist, wie stark echte Liebe ist.“
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