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Ausgabe Nr. 01/2017 vom 02.01.2017, Foto: picturedesk.com
Mario Adorf: "Ich habe mein Leben genossen, von mir aus könnte es jederzeit zu Ende sein."
„Ich bin nie bei einer Frau abgeblitzt“
Die Arterien sind nicht verkalkt, seine jährliche Gesundenuntersuchung habe das ergeben, meint Mario Adorf. Er ist mit 86 Jahren noch fit und war dieser Tage im dritten Teil der Neuverfilmungen der Geschichten rund um den Indianer-Häuptling Winnetou zu sehen. Wieder als Fiesling, wie schon in den Original-Filmen vor 52 Jahren. Dass er in der Zielgeraden seines Lebens steht, sei aber kein angenehmes Gefühl, denn er glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, so Adorf.
Herr Adorf, Sie spielten vor 53 Jahren in „Winnetou“ einen Bösewicht, jetzt waren Sie in der Neuverfilmung wieder mit dabei. War Ihre Rolle des Fieslings „Santer“ damals eine prägende Darstellung?
Auf jeden Fall. Ich habe ja Winnetous Schwester-Nscho-tschi erschossen. Dieser Leinwand-Mord wurde mir von den Filmfreunden nie verziehen. Damals wurde ich auf der Straße angegangen und noch heute bin ich der Bösewicht, der die schöne Apachen-Squaw erschossen hat. Dank eines Vertrages musste ich in der Neuverfilmung nicht zur Waffe greifen.

Stimmt es, dass der „Winnetou“-Darsteller Pierre Brice einst ein Nachbar von Ihnen in Rom (Italien) war?
Na ja, nicht ganz. Wir wohnten etwa 200 Meter voneinander entfernt. Was Pierre aber nicht daran hinderte, mich dauernd zu Hilfe zu rufen. Er hatte einen Hund. Und wechselnde Geliebte, er war noch nicht verheiratet. Der Hund war derart eifersüchtig auf Pierres Gespielinnen, dass er dauernd aufs Bett machte. Dann rief Pierre mich an, damit ich ihm helfe, die Sauerei wieder wegzumachen.

Für die Neuverfilmungen nach so langer Zeit wieder in die gleiche Rolle zu schlüpfen, ist noch keinem Schauspieler geglückt. Sie sind heute rüstige 86 Jahre alt …
… und dennoch auf der Zielgeraden meines Leben. Das ist kein sonderlich angenehmes Gefühl. Andererseits ist das Ziel ja nicht der große Triumph, der Sieg. Deshalb stimmt das Bild von der Zielgeraden nicht ganz. Es ist nicht die Zielgerade, es ist eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in die Endlichkeit mündet. Schön ist das nicht. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Deshalb gibt es aus dieser Sackgasse kein Entkommen. Das ist kein schöner Gedanke.

Welche Themen sind Ihnen heute wichtig?
Da hat sich bei mir nicht viel geändert. Ich lebe gerne, ich arbeite gerne, ich mache weiter wie bisher. Ich denke
nicht an den Tod und auch nicht darüber nach, was auf meinem Grabstein stehen soll. Obwohl sich natürlich immer wieder in mein Bewusstsein drängt: Meine Zeit wird weniger. Ich weiß, dass die letzte Wegstrecke, die noch vor mir liegt, schnell zu Ende sein kann. Wie bei Udo Jürgens, sein Tod kam überraschend. Wobei das ja ein gnädiger Tod war. So wünsche ich mir das auch.

Ihr Kollege Peter Weck lebte in der Überzeugung, er werde vor seiner Frau sterben. Dann kam es anders. Er hatte lange Zeit damit zu kämpfen, dass er alleine zurückblieb. Plagt Sie manchmal die Angst davor, einmal ohne Ihre Frau dazustehen?
Meine Frau ist viel jünger als ich. Also ich gehe nicht davon aus, dass ich der Überlebende sein werde. Ich bin auch kein Freund dieser Senioren, die öffentlich immer beschwören, wie schön das Alter sei. Andererseits bin ich auch keiner, der das Alter bejammert. Für mich ist das Älterwerden etwas ganz Natürliches. Ich bin dankbar, dass ich so leben kann, wie ich es tue. Zumindest bis die großen Schläge kommen.

Wie geht das Alter mit Ihnen um?
Bisher – toi, toi, toi! – sehr angenehm. Mein Arzt sagt, wenn er mich nicht kennen würde, könnte er nicht glauben, dass ich schon 86 bin. Gesundheitlich habe ich keine nennenswerten Defizite. Allerdings bin ich darauf gefasst, dass das auch anders werden kann. Gesund stirbt keiner, es sei denn, es fällt ihm ein Stein auf den Kopf. Oder er wird überfahren.

Haben Sie mit Ihrer Frau etwas verfügt für den Fall, dass einer von Ihnen pflegebedürftig werden sollte?
Wir haben uns darüber, ehrlich gesagt, noch keine Gedanken gemacht. Meine Frau ist da noch viel unbekümmerter als ich. Ich denke schon hin und wieder darüber nach, ob wir nicht in die Nähe eines Krankenhauses ziehen sollten. Oder irgendwo wohnen sollten, wo ein Hubschrauber landen kann, der uns dann schnell ins Spital bringt. Aber bis jetzt habe ich keinerlei Vorkehrungen getroffen. Wir haben auch keine Patientenverfügung. Wahrscheinlich sollten wir das machen. Aber das Schöne ist ja: Selbst wenn ich morgen mit dem Flugzeug abstürzen sollte – ich könnte mit Gewissheit sagen: Ich hatte ein schönes, erfülltes Leben. Ich bin da ziemlich fatalistisch und sage: Das war‘s, vielen Dank für alles. Ich habe mein Leben genossen, von mir aus könnte es jederzeit zu Ende sein.

Ihre Mutter starb nach einem Schlaganfall. Haben Sie einmal untersuchen lassen, ob Sie möglicherweise auch die Veranlagung dazu haben? Plagt Sie die Angst davor?
Einmal im Jahr mache ich einen General-Check. Glücklicherweise sind meine Arterien gut, nicht verkalkt. Ich habe keine Schwachstellen. Mein Vater hatte extrem hohen Blutdruck und ist daran letzten Endes auch gestorben. Sobald mein Blutdruck höher ist, wird sofort untersucht, ob da nicht irgendwas im Busch ist.

Gab es in Ihrer langen Karriere einmal eine Kollegin, die Sie gern erobert hätten?
Ich habe nie nach einer Frau gesucht und war auch nie in der Situation, dass ich eine Frau dringend gebraucht hätte. Deshalb bin ich nie bei einer Frau abgeblitzt.

Dabei haben Sie mit einigen äußerst attraktiven Frauen gedreht …
Gerade diese begehrten Damen haben sich mir nie als verlockende Sexualobjekte dargestellt. Sie waren immer von einer großen Professionalität und insofern männlich in ihrem Denken und in ihrer Entschlossenheit. Da sinkt die erotische Anziehungskraft schnell.


ZUR PERSON

Mario Adorf wurde am 8. September 1930 in Zürich (Schweiz) als uneheliches Kind geboren. Seine deutsche Mutter Alice war Röntgenassistentin, der italienische Vater Chirurg. Adorf studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Psychologie und besuchte später die Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München (D). Aus erster Ehe (1963–64) mit der Schauspielerin Lis Verhoeven stammt Tochter Stella, sie kam 1964 zur Welt. Mit seiner um 14 Jahre jüngeren zweiten Frau Monique Faye (Hochzeit 1985) lebt Adorf heute in Paris (Frankreich). Der Darsteller ist seit 2001 Ehrenbürger von Mayen (D), wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte.
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