Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 51/52/2016 vom 20.12.2016, Fotos: Peter Just, lulu/Fotolia
Unfassbar. Regierung schützt per Gesetz Straftäter. Selbst die Polizisten verzweifeln.
Das Konto der Pensionistin wurde leergeräumt.
Bulgaren beraubten Seniorin, wurden gefasst – und sind wieder frei​
In einem Klagenfurter Supermarkt wurde eine Seniorin beraubt. Die Täter entkamen mit Bargeld und Bankomatkarte und plünderten deren Sparkonto. Obwohl es der Polizei gelang, die Verbrecher zu schnappen, hatte die Tat für sie keine Konsequenzen. Sie wurden wieder freigelassen. Denn ein Gesetz in unserem Land macht es möglich, dass Täter im Monat 400 Euro stehlen „dürfen“.
Sie kann sich nur mit einem Rollator fortbewegen. Denn seit Jahren bereitet der 69jährigen Pensionistin Hedwig Chaudhry-Herz die Wirbelsäule Probleme. Das Gehen fällt ihr schwer. Dennoch erledigt die Kärntnerin ihre Einkäufe selbst. Wie vor wenigen Tagen in einem Klagenfurter Supermarkt. Ein Einkauf mit Schrecken.

„Ich habe mich gut eine halbe Stunde im Supermarkt aufgehalten und nichts von einem Diebstahl bemerkt. Auch sind mir keine merkwürdigen Personen aufgefallen und ich wurde auch nicht angesprochen. Aber als ich an der Kassa die Lebensmittel zahlen wollte, merkte ich,
dass meine Brieftasche weg war“, erzählt Chaudhry-Herz, die ihre Geldtasche in einem mit Eulen bedruckten Einkaufssackerl verstaut hatte. „Die Verkäuferin alarmierte sofort die Polizei und ich habe meine Tochter angerufen, damit sie den Betrag von 26 Euro für meine Lebensmittel begleicht.“ Die Beute der Räuber konnte sich sehen lassen. „In meiner Brieftasche befanden sich nicht nur 900 Euro Bargeld für Weihnachtseinkäufe, sondern auch meine Bankomatkarte, der Führerschein, der Reisepass, die E-Card, mein Blutausweis sowie der Zulassungsschein für mein Auto.“

Das Konto war bereits geplündert

Ihr Anruf bei der Bank, um den Diebstahl zu melden und die Bankomatkarte sperren zu lassen, kam allerdings zu spät. Die Täter hatten innerhalb einer halben Stunde 1.500 Euro vom Konto der 69jährigen abgehoben. Und zwar von verschiedenen Bankomaten. Unter anderem bei der Kärntner Sparkasse. „Eigentlich ist es nicht möglich, ohne den vierstelligen PIN-Code Geld abzuheben“, sagt Philipp Heiser von der Sparkasse. „Ich kenne aber selbst viele Kunden, die ihre Geheimzahl aufschreiben und den Zettel in die Brieftasche legen, weil sie befürchten, die Zahl zu vergessen. Doch das sollte auf jeden Fall vermieden werden. Dieser Code ist schließlich bares Geld wert. Und lohnenswert, wenn Kunden mit ihrer Bank vereinbaren, dass sie am Tag mehr als die üblichen 400 Euro beheben können.“

Zwei Frauen raubten, zwei Männer warteten im Fluchtwagen

In Kärnten haben sich in den vergangenen Wochen derartige Vorfälle gehäuft. Mit verantwortlich dafür waren die Diebe, denen auch Chaudhry-Herz zum Opfer fiel. Die Kartendiebe schlugen nicht nur drei Mal in Klagenfurt zu, sondern auch mehrmals in Spittal, zwei Mal in Villach und einmal in Pörtschach. Dank der Videoüberwachung der Automaten gelang es, die Täter festzunehmen. Walter Ofner von der Kriminalpolizei Klagenfurt erklärt deren Vorgehensweise. „Es handelt sich um zwei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 20 und 23 Jahren. Bei der Einvernahme gestanden sie, ,zwei oder drei Mal‘ Menschen bestohlen zu haben. Während eine Frau das meist ältere Opfer ablenkte, stahl die andere blitzschnell die Geldtasche. Die beiden Männer warteten unterdessen im Auto. Alle vier sind bulgarische Staatsbürger mit Hauptwohnsitz in Deutschland.“ Wie sie das Konto der Seniorin plündern konnten, gaben sie nicht preis. Ofner geht davon aus, dass die verbrecherischen Vier mit elektronischen Hilfsmitteln die PIN-Codes geknackt haben.
Das Unglaubliche, obwohl sie gestanden haben, musste die Polizei die Bulgaren wieder frei lassen. Das stößt den Beamten sauer auf. Doch ihnen sind aufgrund eines geradezu lächerlichen Gesetzes die Hände gebunden.

Neues Strafrecht ist Freibrief für Diebe

Weil seit 1. Jänner dieses Jahres das Stehlen in unserem Land „lukrativ“ geworden ist. Kriminelle profitieren von der Strafrechtsreform. „Früher wären sie in Haft gekommen, heute müssen wir erst die Absicht des Täters nachweisen, dass er sich durch genau solche Taten ein Jahr lang ein durchschnittliches monatliches Einkommen von mehr als 400 Euro verschaffen wollte“, erklärt Ofner ein geradezu unmögliches Unterfangen, das eine Neuorientierung des Strafrechtes in unserem Land markieren und damit den heutigen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden soll, heißt es aus dem Justizministerium.

Eine Regelung, die Straftäter schützt und arme Bürger wie die Kärntner Seniorin bestraft, deren Geld die Diebe bereits verschwinden haben lassen. Es konnte bei der Verhaftung nicht sichergestellt werden. „Ich finde es unglaublich, dass die Täter einfach so davonkommen. Weihnachten steht vor der Tür und ich habe nun kein Geld. Denn mit dem Bargeld, das sich in meiner Brieftasche befand, wollte ich für meine Familie ein schönes Weihnachtsfest ausrichten und Geschenke kaufen. Dafür habe ich meinen Schmuck verkauft, meine eiserne, finanzielle Reserve. Ich spare wirklich an allen Ecken. Die Heizung zum Beispiel, drehe ich nur bei Besuch auf“, sagt Chaudhry-Herz, auf die nun auch die Kosten für das Ausstellen der neuen Ausweise und des Zulassungsscheines zukommen.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung