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Ausgabe Nr. 50/2016 vom 13.12.2016, Foto: picturedesk.com
Disney umringt von „seinen“ Figuren.
Der hartherzige Vater unserer Comic-Helden
Walt Disney. Mit diesem Namen verbinden wir zunächst die beliebten Zeichentrickfilme. Doch gleichzeitig ist es auch der Name einer zwiespältigen Persönlichkeit. Disney war liebendes Familienoberhaupt, aber auch tyrannischer Arbeitgeber und politischer Wendehals in einem. Einige bezeichnen ihn als Antisemit, andere als Genie. Er führte ein Leben voller Widersprüche.
Ich mache Dinge, die würde Walt Disney niemals tun. Walt Disney raucht nicht, ich rauche wie ein Schlot. Walt Disney trinkt nicht, ich genehmige mir immer wieder ein Gläschen.“ Diese Worte stammen aus keinem geringeren Mund als aus jenem von Walt Disney selbst. Der weltberühmte Filmproduzent hatte zwei Persönlichkeiten, eine davon war für die Öffentlichkeit bestimmt, die andere sollte möglichst verborgen bleiben.

Am 15. Dezember jährt sich Disneys Todestag nun zum 50. Mal und noch immer sind konträre Ansichten über ihn im Umlauf. Liebender Familienvater, dessen Filme ganze Generationen von Kindern begeisterten auf der einen, tyrannischer Arbeitgeber sowie politischer Wendehals auf der anderen Seite. Eines ist jedoch gewiss, Disney hatte ein ausgeprägtes Gespür fürs Filmgeschäft. Alles, was er anfasste, oder besser gesagt in Auftrag gab, denn auf dem Höhepunkt seiner Karriere machte der Produzent wortwörtlich keinen einzigen Pinselstrich selbst, entpuppte sich als Erfolg. Bis es soweit war, musste der Mann mit dem Schnurrbart einige Hürden überwinden.

Walter Elias, später Walt genannt, Disney kam am 5. Dezember 1901 in der amerikanischen Stadt Chicago als viertes von fünf Kindern zur Welt. Später zog die Familie in den US-Bundesstaat Missouri, wo sie sich auf einem Bauernhof niederließ. Dort lernte der Bursch bereits früh, hart zu arbeiten. „Wir mussten alle mit anpacken“, erzählte Disney, dessen beste Freunde, wie er meinte, damals die Vierbeiner waren. „Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich an der frischen Luft bei unseren Tieren.“ Während der Vater mit harter Hand regierte, las ihm seine Mutter stets aus Märchenbüchern vor. Davon inspiriert, begann Disney zu malen. Als 14jähriger schaffte er es schließlich, seinen Vater davon zu überzeugen, ihm Zeichenunterricht zu geben. Doch schon bald stellte sich heraus, dass sein Talent woanders liegen sollte.

Mit 17 Jahren zog Disney von zu Hause aus. Er versuchte sich zunächst als Zeichner. Als ihn im Jahr 1922 einer seiner Arbeitgeber mit den Worten „Du hast überhaupt kein Talent“ hochkant hinauswarf, war Disney nicht etwa am Boden zerstört, sondern heckte einen Plan aus, der ihn bald zu einem der reichsten Männer der Welt machen würde.

Fortan überließ Disney die Zeichenarbeit den anderen. Er konzentrierte sich unterdessen darauf, zu entscheiden, ob eine Figur beziehungsweise Geschichte vielversprechend war oder nicht. Und dafür hatte der Amerikaner ein Händchen.

In dieser Phase seines Lebens traf Disney auch eine gewisse Lillian Marie Bounds, die er 1925 ehelichte. Ein wenig später lernte der frisch Vermählte den Zeichner Ub Iwerks kennen, dessen Talent er sofort erkannte. Iwerks erschuf für Disney alsbald das wohl bekannteste Zeichentricktier der Geschichte, „Micky Maus“. Obgleich nicht einmal der Name dieser Figur von Disney stammte – er wollte sie ursprünglich „Mortimer Maus“ nennen, ließ sich aber von seiner Frau eines Besseren belehren –, heimste der Produzent die Lorbeeren alleine ein. Im Jahr 1932 wurde ihm für die Idee von „Micky Maus“ ein Ehren-„Oscar“ verliehen. Kurze Zeit später gelang dem talentierten Geschäftsmann gleich der nächste Clou. Mit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ produzierte Disney den ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm. Diese Neuinterpretation des Märchens spielte an den Kinokassen mehr als acht Millionen Dollar ein, dabei kostete eine Eintrittskarte damals gerade einmal 25 Cent. Die „Disney Studios“ gehörten nun zu den ganz Großen.

Neben dem beruflichen Glück vermehrte sich für den aufstrebenden Amerikaner ebenso das private. Im Jahr 1933 hatte ihm seine Frau eine Tochter, Diane Marie, geschenkt, wenig später adoptierten sie mit Sharon Mae ein weiteres Mädchen. „Mein Vater war immer für mich und meine Schwester da. Er hat uns in der Früh immer in die Schule gebracht. Am Wochenende ist er mit uns in den Park gegangen, wir sind Karussell gefahren oder haben ein Picknick gemacht“, erinnerte sich seine Tochter Diane Marie Disney einmal, die im Jahr 2013 starb.

Seinen Angestellten gegenüber zog Disney allerdings andere Saiten auf. „Jedes Mal, wenn er den Gang entlangkam, waren wir plötzlich mucksmäuschenstill. Alle zitterten vor Angst, wollten ja nichts falsch machen. Wenn jemand einmal nicht seiner Meinung war, konnte es schnell passieren, dass er gefeuert wurde“, erzählt der ehemalige „Disney“-Zeichner Rolly Crump und sein damaliger Kollege Bill Melendez, der mittlerweile auch verstorben ist, berichtete einst, „Wir arbeiteten von sieben in der Früh bis zehn am Abend. Natürlich ohne die Überstunden bezahlt zu bekommen. Denn Walt Disney war ein Perfektionist.“ Diese Zustände mündeten schließlich auch in einen Streik, den der Unternehmensführer mit Entlassungen beantwortete.

Aber auch Disneys Filme sowie seine politischen Haltungen waren nicht unumstritten. Im Jahr 1938 empfing Disney etwa die deutsche Regisseurin Leni Riefenstahl, die Propagandafilme für Hitler drehte. Er witterte ein gutes Geschäft mit den Deutschen. In der ursprünglichen Fassung von „Die drei kleinen Schweinchen“ wurde der böse Wolf als jüdischer Hausierer mit antisemitischen Symbolen wie einer Hakennase und einem Rauschebart dargestellt. Allerdings waren solche Darstellungen und gewisse anti-jüdische Vorurteile damals weit verbreitet. Das ändert nichts daran, dass Disney auch ein großer Opportunist war, der seine Ansichten je nach Bedarf änderte. Denn bald darauf produzierte er Anti-Nazi-Filme. Nur um im Kalten Krieg auf Anti-Sowjet-Streifen umzusatteln. Darüber hinaus soll Disney, wenn ihm ein Mitarbeiter nicht mehr genehm war, diesen nicht selten bei den amerikanischen Behörden als Kommunisten denunziert haben. „Ich bin ein Patriot“, wehrte Disney alle diesbezüglichen Anschuldigungen ab.

Bei aller Kritik, Disney verstand von seinem Handwerk eine Menge. Er wurde immerhin 26 Mal mit einem „Oscar“ ausgezeichnet. Doch all sein Erfolg konnte nicht verhindern, dass der Kettenraucher schließlich 1966 im Alter von 65 Jahren an Lungenkrebs starb. Während die einen behaupten, Disney ruhe auf einem Friedhof in Kalifornien (USA), munkeln andere, er hätte sich in der Hoffnung, eines Tages wiedererweckt und dann geheilt werden zu können, einfrieren lassen.
DHru
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